Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: „Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete zu deinem Vater“; mit andern Worten: „nicht auf den Gassen und Märkten wie die Heuchler“. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir’s, daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch — der heilige Augustin erinnert daran — der Herr hat gesagt: „Ich bin die Wahrheit“, nicht: „Ich bin die Gewohnheit“.
Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget — nach dem Wort des Apostels: „Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm“ — desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns verbindet.
Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: „Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen“. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch einmal, höre auf mit diesen Klagen.
Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ und: „Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden“. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst. Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau Eustochium folgendes: „Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns gespendeten Lobes“. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem Besitz machte. „Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie sehen.“ Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben, damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen, Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, „Ruhm suchen, indem du vor ihm fliehst“. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie Verunglimpfungen der Feinde.
Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen. Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist, daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest du’s ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.
Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast, durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr, wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.
Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich: als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß, und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war, sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.
Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja, vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat, welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug verbessern.
Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja, aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: „Der Herr hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Erinnere dich wieder und wieder daran, in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird, die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle Barmherzigkeit.
Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest, obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch, daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt, welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte. So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen genannt werden können — wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat — eine Beraubung war es ja nicht —: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?