Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute, selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: „Den Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll“. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß; aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: „Gott hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Darum will ich hingehen und verkünden, „wie große Dinge der Herr an mir gethan hat“.
Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast. Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu vernichten trachtete.
Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der Schrift seine Anwendung finden: „Die Weiber machen auch Weise abtrünnig“, wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.
Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit weiblicher Sorgen!
Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.
Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht lästig. Denke an den Spruch: „Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt“ und an den anderen: „Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn“. Unsere Strafe ist eine zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte dich auf an dem Wort des Propheten: „Der Herr geht nicht zweimal ins Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen“. Nimm zu Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: „So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten“. Daher auch Salomo spricht: „Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnet“.
Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten und klagten, wie Lukas erzählt: „Es folget ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn“. Und er, in milder Güte zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug seien und seinen Worten folgen: „Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: ‚Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden?‘“
Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: „Frauen saßen am Grab, klagten und weinten um den Herrn“. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz bis ins Innerste erschüttern.
Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: „Ihr alle, die ihr vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz“; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: „Sie werden ihn klagen, wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind“.
Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: „Es sei aber ferne von mir, rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“.