Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret“. Was Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi, durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.
Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte, daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit teilhaftig geworden sei — eine Behauptung, die mit dem katholischen Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren Geschlechtes gewesen sei.
So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.
Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja, auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.
Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen. Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. — Lebe wohl!
VIII. Brief.
Abaelard an Heloise.
Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich’s vermochte. Es bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch „Rhetorica“ folgendes: „Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber, sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.“
So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben. Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen, gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi!
Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen, sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit, Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen, welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: „Welche nicht freiet, die sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch am Geist“. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: „Herr, Herr, thue uns auf!“ — da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu teil: „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht“.
Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach, wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: „Wer euch höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Selbst wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte — wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der Herr selbst: „Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren Werken sollt ihr nicht thun“. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: „Wer nicht entsagt allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein“. Ferner: „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“. Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der gesagt hat: „Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat“. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. Denn was heißt „sich selbst verleugnen“ anderes als: das Behagen des Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom Fleische sind, anderes als ihren Willen durchsetzen? Und giebt es eine höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten — was ist es anderes, als etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach die Warnung aus: „Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen Feinden selbst zum Spott machen“. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam ist, wie geschrieben steht: „Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem ihm not war“. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. „Ein Herz“ — im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. „Eine Seele“ — denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im eigentlichen Besitz seinen Grund hat.