Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: „Es sei ferne von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit“. Und Salomo seinerseits sagt: „Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug“. Wir dürfen uns also wohl hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: „Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen“. Aus dem Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.

Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: „Wir fehlen alle manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein vollkommener Mann“. Und weiter sagt er: „Alle Natur der Tiere und der Vögel und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur“. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: „Die Zunge ist ein klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet’s an!… eine Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes“. Was aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: „So aber sich jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel“. So heißt es auch in den Sprüchen: „Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist wie eine Stadt ohne Mauern“. So meinte es auch jener Greis, als ihm Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm gesellt hatten, sagte: „Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein Vater.“ Jener antwortete: „Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden“. Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.

Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. Denn „die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel“. Je kleiner und feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.

Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: „Ein Weib lerne in der Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei“. Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in Betreff des Schweigens giebt — was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.

Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, weil hier die größte Gefahr droht.

In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern, giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner „Moralia“ folgende Vorschrift: „Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem Frieden des Herzens ist es vorbei“. Daher sagt Salomo mit Recht: „Wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor“. Wasser verschütten, das heißt: seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: „Tiefes Wasser kommt aus dem Munde des Mannes“. Also wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: „Wer einem Narren Schweigen gebietet, der lindert den Zorn“.

Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.

Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird von ihm erzählt: „Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die Weisung: ‚Nach der Messe meidet einander, meine Brüder‘. Da sagte einer der Mönche: ‚Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als diese?‘ Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: ‚Das ist es, was ihr fliehen sollt‘. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter sich zu und blieb allein“. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: „Schweigen ist Pflege der Gerechtigkeit“ — sie wurde von den heiligen Vätern mit so glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.

Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit Gott zu pflegen.

Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.