Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: „Wer hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist“.
Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an den Mönch Heliodorus schreibt: „Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes ‚Mönch‘, d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der du der Einsamkeit gehörst?“ Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter Paulus folgendermaßen: „Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten Vertreter … um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in Gottes Dienst stehen“.
So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem heiligen Beruf abziehen.
Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird erzählt: „Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu Gott: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Da ertönte eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden‘. Er ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben Worten: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Und er vernahm eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh’, das sind die Wurzeln der Sündlosigkeit‘“. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm führen wollte, sagte Arsenius: „Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet ihr euch danach richten?“ Als sie dies bejahten, sagte er: „Überall, wo ihr hören werdet: Arsenius ist da — da bleibet ferne“. Als ihn der Erzbischof ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: „Wenn du kommst, so werde ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein“. Darauf sagte der Bischof: „Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich nie mehr zu dem heiligen Manne gehen“. Einer römischen Dame, die gekommen war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: „Was ist dir eingefallen, eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen — so daß das Meer bald von Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?“ Die Frau antwortete: „Wenn Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.“ Darauf Arsenius: „Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich aus meinem Herzen verwische“. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich ganz betroffen.
Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: „Weiß Gott, ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen zugleich verkehren“.
Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem „Leben der Altväter“ kann man es lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: „Kehret um, der Alte hat den Verstand verloren“. Als er wieder zu ihm kam, fragte er ihn: „Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der Alte ist besessen“. Da antwortete der Greis: „Das eben wollte ich hören“.
Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: „Sag uns, Alter, wo ist die Zelle des Moses?“ Dieser antwortete: „Was wollt ihr von ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer“. Was soll man dazu sagen, daß der Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten Rufes.
Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: „Im Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich von dannen“. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an ihre Thür pochte, zu antworten: „Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.