Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie mißbräuchlich „Obedientien“, und doch wird hier keine Regel eingehalten und nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, die bei anderen Menschen verzeihlich sind.
Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen — ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige Antonius: „Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit dem Herzen“. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft er aus: „O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du über der Welt stehst!“
Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.
Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: „Um ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren“. Auch nach dem Tod Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:
„Den Grund deiner Leiden
Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:
Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.“
— — — Und einige Verse weiter unten heißt es:
„Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball
Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,