Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:

So lang traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,

Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.“

So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und sprachen: „Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in die Heimat, um dort Gott zu preisen?“

Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: „ Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen werden“. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch Rusticus gab: „Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten und in der Gemeinschaft mit vielen“.

Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen und seine Trabanten tapfer ankämpfen.

Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch geschrieben: „Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst“ — und anderswo: „Schrecklich wie Heeresspitzen“. Die sechs andern Schwestern, die wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.

Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche „Heeresspitzen“ seien.

Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und erprobt sein müsse; nämlich also: „Laß keine Witwe erwählt werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich“. Derselbe Apostel sagt in seiner Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: „Desselbengleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen“. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: „Wehe dir, Land, des König ein Kind ist“ — und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: „Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten“. Darum heißt es auch in den Sprüchen: „Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden“. Und im Buche Sirach: „O wie fein steht’s, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.“ Weiter heißt es da: „Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der erfahren ist … Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn’s not ist; und wenn man ihn fragt, soll er’s kurz machen, und sich halten als der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen“.

Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt Väter nennen, Alte.