In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der Apostel dem Timotheus: „Um deines Magens willen, und weil du oft krank bist“ — nicht bloß ‚krank‘, sondern ‚oft krank‘. Noah hat zuerst den Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.
Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch „vom Leben der Kleriker“, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: ‚Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen‘“.
Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet den Weingenuß. „Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken.“ — „Sicera“ heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. „Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.“
Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im „Leben der Altväter“: „Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der keinen Wein trank, worauf dieser sagte: ‚Der Wein ist überhaupt nichts für Mönche‘. Ferner ist dort zu lesen: ‚Man feierte eines Tags die Messe auf dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er’s zurück und sagte: Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?‘“ Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet: „Abraham sagte zu seinen Schülern: ‚Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt, ist das nicht zu viel?‘ Und es antwortete der Alte: ‚Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre.‘“ Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: „Wohl lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können“.
Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: „Wenn mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden Leib noch neuen Zündstoff zuführen?“
Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an: „Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird“. Ferner heißt es dort: „Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell“.
Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein, welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt vor Verlangen nach Unzucht.
Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: „Trinke nicht mehr Wasser, sondern brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank bist“. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar am meisten hinderlich ist?
Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. „Oder glaubt jemand“, sagt er, „daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht, wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.“ Und in dem Buche „von der Weltflucht“ heißt es: „In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn es beim Wein verweilt“. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt „die Weltflucht“ nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den wir oben angeführt haben: „Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön steht“. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen?
Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus: „Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu Thoren“. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: „Nur Samstags und Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen“; dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: „Jeder lebt für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel Vereinigte“. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: „Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen“.