Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine bestimmte Art von beiden.

Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: „Kasteiet euer Fleisch mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure Gesundheit es gestattet“. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: „Für das Fasten soll dem freien Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines Gelübdes sein“. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben, man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt: „Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor“. Wir sollen uns nicht allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht: „Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen“. Wir sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der „Prediger“ warnt davor mit den Worten: „Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest“, d. h. daß du nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest.

Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung, der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben: „Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren“. — „Das Gesetz,“ sagt der Apostel, „richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung“. Und weiter: „Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot“. Augustinus an Simplicianus sagt: „Durch das Verbot ist das Verlangen gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt worden“. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch „Quästiones“ in der 67. Frage: „Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen, wenn ein Verbot da ist“. — „Was versagt ist, begehren wir stets, das Verbotene reizt uns“.

Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du’s gethan, dann bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. „In meines Vaters Hause,“ sagt die Wahrheit, „sind viele Wohnungen.“ Darum giebt es auch vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt, aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit Gott pflegen können. „Und so eine Jungfrau freiet,“ sagt der Apostel, „sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich verschonete aber euer gerne.“ Ferner: „Welche nicht freiet, die sorget, was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist; die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und unverändert dem Herrn dienen könnet“.

Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: „Das Gesetz konnte nichts vollkommen machen“. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel Petrus sagte, niemand könne sie halten. „Ihr Männer, liebe Brüder,“ sprach er, „was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie.“ Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war, lieblich und leicht gemacht: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig — so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“.

Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Und weiter: „Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum, daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes suchen“.

Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber, die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: „In meinem Herzen sind die Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde“.

Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h. den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: „Johannes ist kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer“. Er entschuldigt auch seine Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit ungewaschenen Händen zu Tische saßen: „Wie können die Hochzeitleute Leid tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?“ Und ein andermal: „Was zum Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet, das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht“.

Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den Sprüchen sagt: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben“. Und nach dem Worte der „Wahrheit“, das wir oben gehört, kommt aus dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen, daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen.

Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. „Denn,“ sagt der Apostel, „alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.“ Auch wir wollen mit Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen, Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch „Über das Gut der Ehe“, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: „Nur derjenige macht einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch imstande ist, sich ihrer zu enthalten“. In dieser Gesinnung hat auch Paulus das Wort gesagt: „Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden“. Mangel leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch „übrig haben“; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom Überfluß nicht verderben lassen.