Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt, daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten, ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen: „Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen“. Auf einen solchen Leser paßt das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: „Daß euch aller Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs, welches, so man’s gäbe einem, der lesen kann, und spräche: ‚Lieber, lies das‘, und er spräche: ‚Ich kann nicht, denn es ist versiegelt‘. Oder gleich als wenn man’s gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: ‚Lieber, lies das,‘ und er spräche: ‚Ich kann nicht lesen‘. Und der Herr spricht ‚Darum, daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde‘“.

Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.

Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt: „Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht lieben“; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an Pammachius und Oceanus folgendes: „In meiner Jugend war ich von einer brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus“. Wahrlich, er hatte sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: „Liebes Kind, laß dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir“. Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: „Nirgends habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können“.

Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde, wie er in der „Geschichte der Angelsachsen“ berichtet, sagt: „Seitdem brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben“.

Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: „Das Herz des Weisen sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit“, nämlich wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind.

Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in seinen „Moralia“, Kapitel XVI, also aus: „Oft, wenn wir uns mit der Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren Beschauung blind zu machen“. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr erfahren, als er sagte: „Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will erforschen die Gebote meines Gottes“. Er erklärt damit deutlich, daß er die Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: „Und der Allmächtige wird gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden“. Das soll heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt, dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.

Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien: „Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: ‚Trinke Wasser aus deiner Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine‘. Trachte also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten, nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen. Höre, was die Schrift sagt: ‚Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken‘. Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“.

Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten Isaaksbrunnen: „Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten, sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch andere daran verhindert werden“. Höre, was der Herr spricht: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein wollen“. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt: „Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt“.

Ebenso heißt es dort: „Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man auch zu uns sagen könne: ‚Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem Brunnen‘. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken. Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: ‚Tier und Menschen machst du gesund, Herr‘“.

Und weiter unten heißt es: „Wer ein Philister ist und nach Irdischem trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch verständigen Sinn“.