Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: „Sondern er hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht“. Und welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das besagen gleich die folgenden Worte: „Der ist wie ein Baum, gepflanzet an den Wasserbächen“. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist gemeint, wenn es heißt: „Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen“. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe ihres Bräutigams singt: „Seine Augen sind wie Taubenaugen an den Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle“.

Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber sehen, sondern auch andern beschreiben möget!

Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: „Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Also die Mutter des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen.

Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: „Wenn du recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du“.

„Wer mich liebt,“ sagt die ‚Wahrheit‘, „der hält meine Worte.“ Wer aber wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen, das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte, gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von uns verlangt, wenn er sagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“. Könnet ihr euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium, auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift erleuchtet hat.

IX. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.)

Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise Erwähnung: „Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern eine Richterin vor mir“.

Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen, daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten, zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter anderem folgendes: „Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: ‚Ich bin eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal‘; die andere, selbst eine Blume des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: ‚Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern‘“.

Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester? Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest, daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe, nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel.