Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten — haben manchmal so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: „Wir nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden“, oder: „Hör unsere Seufzer, unsern Sang in Gnaden an“. So giebt es noch manches, was nur für Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen sollten, wenn wir alljährlich singen: „Martinus, den Aposteln gleich“, oder wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: „An dessen heil’gem Grab so mancher Heilung fand“.

Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und zusammen sich freue.

II.

Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: „Und saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen“. Und weiter an die Colosser schreibt er: „Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen“. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe, sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung „Hymne“ oder „heiliges Lied“ als Aufschrift tragen — und so ist über sie von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt „Hymnen“ im eigentlichen Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19. Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus spendet, unter anderem folgendes: „Dann kommt er darauf zu sprechen, daß sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: ‚Sie kennen nicht allein die Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit guter und lieblicher Harmonie.‘“

Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen sind, ebenfalls Hymnen zu nennen — unbeschadet unserer Erklärung im ersten Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden.

So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht vergessen — nach dem Wort des Evangeliums: „Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus“.

Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann.

III.

In den beiden vorstehenden Büchlein habe ich Hymnen für den täglichen Gottesdienst und eigene für die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt mir noch übrig, zur Verherrlichung des himmlischen Königs und zur gemeinsamen Erbauung der Gläubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit würdigen Lobeshymnen nach Kräften zu erheben. Mögen mich bei diesem Werke die Verdienste derjenigen unterstützen, deren ruhmreiches Andenken ich durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhöhen möchte — nach dem Wort der Schrift: „Das Gedächtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes“, und wiederum: „Lasset uns preisen die Ruhmvollen“ u. s. w.

Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen hauptsächlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: unterstützet mich durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure Liebe wird sich reich erweisen in der Fülle des Gebetes, wenn ihr daran denket, wie freigebig ich in Erfüllung eures Wunsches gewesen bin. Während ich mich nach den schwachen Kräften meines Geistes mühte, das Lob der göttlichen Gnade würdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu ersetzen gesucht, was ihnen an Schönheit des Ausdrucks abging, und so habe ich für die nächtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen gedichtet, während bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von Festen und Feiertagen gesungen wurde.