Vier Hymnen also habe ich für jedes Fest so bestimmt, daß bei jeder der drei nächtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und außerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die Bestimmung getroffen, daß von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in ähnlicher Weise bei der Vesper am Festtage selbst gesungen werden können; oder daß sie je zwei und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden ersten Psalmen, der andere mit den beiden übrigen gesungen werden.
Dem Kreuz habe ich fünf Hymnen gewidmet, von denen der erste die jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur Anbetung und Verehrung aufzustellen, so daß es über die ganze Zeit der gottesdienstlichen Feier anwesend ist.
XI. Brief.
Abaelard an Heloise.
(Mit einer Sammlung von Predigten.)
In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet, so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten verfaßt — eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.
Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes!
XII. Brief.
Abaelard an Heloise.
(Abaelards Glaubensbekenntnis.)
Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus — da hinke ich stark. Und während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.
Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich dir in kurzen Worten mitteilen.