„Tun S’ Ihner nix an mit Ihrem dalkerten Stecken!“ Und schmiß ihn ins Zimmer hinein. Ich hob ihn auf, putzte ihn ab mit meinem Rehlederlappen. Da ging sie gekränkt und beleidigt stolz von dannen. „Wegen so an Stecken, hm! Da bin ich mir doch mehr wert!“

ALMA

(Gustav Mahler gewidmet)

Sie saß in tiefer Trauerkleidung im Goldenen Prunksaale, in dem die „Kindertotenlieder“ ihres verstorbenen Gatten, an das verstorbene elfjährige Töchterchen, aufgeführt wurden. Die Sängerin sang schlicht, die Instrumente murmelten und klagten. Irgend jemand schlich behutsam herein und setzte sich. Irgend jemand schlich behutsam hinaus. Man markierte Ergriffenheit. Die Dame in Trauerkleidung saß da und verbarg ihr Leid vor den Menschen — — —. Man markierte „Totenweihe“. Wenn jemand sich räusperte, sagte man: Pst! Sie dachte vielleicht an die Ufer des Wörthersees, wo ihr Kind und ihr Gatte im Sonnenlichte sich gebräunt hatten — — —.

Neben ihr saß einer, der wollte ihr so sehr gerne die Last abnehmen — — —. Er war aber ganz hilflos. Er dachte nur: „Wie hilflos sind wir Hilfbereiten!“ Dann bot er ihr Kuglerbonbons an, „Crême de Mokka“ — — —. „Ich kann das Stanniolpapier nicht herunternehmen wegen meiner Handschuhe,“ sagte sie leise. Da wurde er ganz rot, ihr den Dienst leisten zu dürfen — — —. Er tat es so ängstlich behutsam, daß sie lächeln mußte. Ja, sie lächelte. Das dritte Kindertotenlied weinte: „Tà dă tà, tà dă tà, tà dă tà dă tà dă tà — — —.“

DER „ROTE STADL“, AUSFLUGSORT BEI WIEN

„Liebe, liebe Freundin Lióschka, nun habe ich also Sonntag Ihr kleines ‚Erdenparadies‘ gesehen, den Ausflugsort ‚Zum Roten Stadl‘! Für andere ist es nichts, nichts, ein Jausenplatz, wo die reichen Menschen ihre Automobile, ihre Frühlingstoiletten zeigen, Mädchen ihre reichen Liebhaber, diese ihre schönen Geliebten! Und der Gugelhupf ist schlecht, mit wenig Eiern und noch weniger Rosinen angerührt. Aber für Sie, Lióschka, ist es eine süße Traumwelt, Ihre Märchenwelt. Alles, alles betrachten Sie da liebevollst gerührt, es ist Ihre Seelenheimat, mehr wünschen Sie sich ja gar nicht vom Leben; da fühlen Sie sich frei und glücklich. Das, wovon die andern leben, ist für Sie von keinerlei Interesse, und für die kahlen Bäume und den Wiesenbach am ‚Roten Stadl‘, an einsamen Wochentagen, geben Sie den ganzen schreienden Prunk des Lebens hin! Sie sind eine Dichterin, der man es aber leider nicht glaubt. Das ist sehr, sehr traurig. Ihre Seele ist unverstanden im Getriebe der Welt! Mehr kann man darüber nicht sagen. Ich empfinde Ihre Traurigkeit! Mehr kann ich darüber nicht sagen. ‚Roter Stadl‘, für Dich eine Welt! ‚Roter Stadl‘, siehe, uns bist du ein Platz wie ein anderer — — —.

Dir aber ist er traut und heimlich und lieb! Schon das Wort ‚Roter Stadl‘, uns klingt es ‚weanerisch‘, Dir aber wie ein tiefes Lied! Deshalb wollen wir hier, in Deiner Gesellschaft, verstummen, und Deine Andacht nicht stören, Lióschka! Vielleicht wirst auch Du uns dann einst einen solchen Dienst erweisen, wenn auch uns, irgendwo, Dir unverständlich und fremd, einst düstere Trauer umfängt — — —!

Peter Altenberg.“

POETA