Ein Dichter, der kein Sozialdemokrat ist, und sogar, mit Rücksicht auf Haß und Verachtung der durch Gewohnheit eingenisteten Vorurteile der Menschen, kein Anarchist ist, ist kein Dichter! Wer sich, seine Familie, seine Kinder, seinen Frieden mehr liebt als die fremde entfernte Menschheit, ist kein Dichter! Er dichtet, aber er ist kein Vertreter! Kein Fürsprecher, kein Vorsprecher aller! Er ist kein Standartenträger in der Schlacht der Welt! Er amüsiert, er rührt, aber er heilt nichts! Er ist kein Arzt der kranken Menschheit, also kein Dichter! Er dichtet für die Gesunden, Befriedigten, und die brauchen ihn nicht! Die können sich ohne ihn behelfen, sich durchfretten! Ein Dichter sagt das, nur das, woran alle anderen kranken, leiden, daß sie es nicht aussprechen können, dürfen! Sonst braucht man ihn ja nicht. Auf Reime, Verse, Phrasen wird verzichtet! Eine Dame der Gesellschaft sagte zu mir: „Wir wollen erhoben werden, erfreut von euch Dichtern!“ Ja, Schnecken, das möcht euch so passen, ihr Drohnen der arbeitsamen Weltentwicklung!
SAPPHO
(Erika von Wagner gewidmet)
Soll die „Sappho“ von einer reifen Künstlerin gespielt werden oder von einer jungen?!
Von einer jungen Reifen! Von einer reifen Jungen!
Sappho soll von dem Herrn Phaon und dem Fräulein Melitta nicht sekiert, gedemütigt, gemartert und stehen gelassen werden, weil sie eine alte Schachtel ist mit seelischen und noch anderen Ansprüchen, sondern nur deshalb, weil sie eine Dichterin ist, also ein höherer Organismus, der von den kriechenden Lebenstierchen deshalb allein eben stets und überall mißverstanden, gemieden, gedemütigt und verraten wird!
Sappho muß wegen ihrer hoheitsvollen Art zu denken, zu fühlen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu schweigen, einen peinlichen drückenden Respekt einflößen, den die Armseligen eben nicht lange aushalten! Man verrate sie um ihrer ewigen inneren Jugend, nicht um ihres äußeren Alterns willen!
Sie werde gespielt von einer Jungen, Reifen! Sollen wir vielleicht das Gefühl haben, daß eine alte zudringliche Gedichtemacherin und Harfenklimperin zwei frische fesche Menschenkinder belästigt und stört in ihrem berechtigten Lebensglücke?! Nein, wir müssen durch des Dichters Grillparzer Gnade und des adeligen Jugendprangens der Darstellerin auf seiten Sapphos stehen! Gegen das, ha ha, Liebespaar, Phaon und Melitta! Verräter sind sie, weil sie armselig sind!