DER NEBENMENSCH
Neunzig Prozent unsrer Lebensenergien raubt uns die Ungezogenheit, die Taktlosigkeit unseres Nebenmenschen. Jedes falsch angebrachte Wort zerstört unser zart empfindliches Nervensystem. Nicht Distanzhalten von der Welt des andern, die man ja doch nicht begreifen kann, mordet die Nerven. Die unverständliche Welt des andern nicht achtungsvoll und scheu behandeln, ist eine bodenlose Feigheit. Es ist, wie wenn man jemandem, der unsäglich an Migräne litte, sagte, er bilde sich diese Leiden nur ein! Gläubig sein, ist aristokratisch; bezweifeln, ironisieren, ist plebejisch! Durch Gläubigkeit erweitert man seinen Horizont um den des andern, durch Skeptizismus bleibt man ewig in seine eigenen engen Grenzen eingebannt.
Niemandem wehe tun, falls es nicht unbedingt notwendig wäre, ist die natürliche Wirkung geistiger Kultur. Jedermann werde erfrischt, ja erlöst durch deine Gesellschaft, ja, er suche sie auf, wie das bedrückte Menschenkind den Beichtstuhl. — — —
Aber unsre Nebenmenschen sind noch Satan, Jago, Mephistopheles, Franz Moor; selbst zu ewiger innerer Unruhe verdammt, drängt es sie, auch in uns nur böse Unruhe zu erzeugen, damit wir ja nicht besser, nicht vornehmer werden als sie selbst es sein können. Sie gönnen uns nicht höhere innere Entwicklungen, wollen uns absichtlich degradieren auf ihr eigenes erreichbares Niveau! Nur der Dichter erlebt träumend künftige Entwicklungen gläubigen Herzens, und die, die sich ihm anschließen, tragen jedenfalls diese idealen Möglichkeiten kommender besserer Welten schweigend-demütig bereits in ihrem Herzen! Der Nebenmensch ist ein Gegenmensch. Er will nicht helfen, sondern schädigen. Wäre er selbst ein Zufriedener, wünschte er nur Zufriedenheit zu verbreiten; als Unzufriedener wünscht er uns ebenfalls nur Friedlosigkeit!
SCHUTZ
Unter Yellowstone-Park versteht man bei uns bereits irgendeine wertvolle urwaldartige, mit allen ihren geheimnisvollen Schätzen an Pflanzen, Tieren, Steinen und Quellen erfüllte Gegend, die unter den Schutz des Staates gestellt wird, gegen die zerstörende unnachsichtige Barbarei der Menschheit. Eine Art von idealer Menagerie der Natur selbst! Solch einen Yellowstone-Park wird man nun in der Schweiz im Scarltal und seinen Nebentälern errichten, um die kostbaren Alpenpflanzen, um Bär, Luchs, Wildkatze zu erhalten. Und alles, was da blüht, kreucht und fleucht. Solche Yellowstone-Parke sollte man nun auch endlich für Menschenerhaltung errichten, für exzeptionell herrliche Frauen, für exzeptionell herrliche Männergehirne, die sonst verloren gingen in den zahlreichen Gefahren! Oasen für Denker und Träumer, in der Wüste des Lebens, die versengt, und verdorren macht. Oasen für wunderbar schöne Frauen, zu denen man pilgern dürfte, ihre schmalen schneeweißen langen Finger an die Lippen zu drücken und daran zu genesen, mehr als an Guber-Quelle, Virchow-Quelle, Hofbrunnen und Königsbrunnen, mehr als an den Mysterien Gasteins, Kissingens, Franzensbads, Karlsbads. Männergehirne, die man für die Menschheit schützen müßte vor dem Zugrundegehen, Frauenkörper, Frauenseelen, die man für die Menschheit schützen müßte vor dem Vernichtetwerden in zügellosen Orgien und Egoismen, in Treibjagden auf Seele und Leib! Yellowstone-Parke müßten geschaffen werden, Reviere, in denen wertvolle Gehirne, wertvolle Seelen, wertvolle Leiber, geschützt vor feigen Verfolgungen, die Ideale der Natur repräsentieren könnten für die verkommende Milliarde der Unzulänglichen!
Ein Mädchen zum Beispiel, zu dem man spräche: Pflege die Pracht deiner zarten, gebrechlichen, adeligen Glieder, deinen Milchteint und deine Beweglichkeiten! Du sollst in einem Tempelchen hausen und keinerlei Sorge haben! Auf daß die andern hinpilgerten und, schamvoll in sich gekehrt, es versuchten, dir nachzugeraten ein wenig!
Aber bisher schützt man nur Edelexemplare unter den Pflanzen und Tieren, ja sogar heiße Springquellen mit Marmorbecken. Aber Menschen, Menschen schützt man noch nicht — — —.
BRANGÄNE
Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen, die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen, die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht. Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei Brangäne das Leid und die edle Sorge um einen geliebten Menschen helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt! Auch unsre alte Bedienerin Luise sang uns ein unvergeßliches Lied, als sie beim Abschiede mir und meinem Bruder schrieb: »Die sieben Jahre in Ihren Diensten, meine Herren, waren das Glück und der Segen meines ganzen Lebens — — —.« Alle diese versteckten, edel-tragischen Dinge der dienenden Menschenherzen ertönen in Brangänens Gesang. Alle in der Menschheit bisher leider vergeblich aufgestapelten Selbstlosigkeiten und Ergebenheiten werden da zu singender Klage; aber die Menschen der leidenschaftlich irrigen Stunden vernehmen nichts davon als ihre eigenen, zum Abgrund führenden Sündhaftigkeiten, deren Brausen alles übertönt — — —.