Vöslau, eigentümlicher Ort, einzige wirkliche Sentimentalität, die ich habe. Deine grünbefranste Station ist geblieben wie eh und je. Nur meine wunderschöne Mama, die mich im Damenbade sorgsam auf ihren Armen wiegte, ist längst nicht mehr. Die Lindenblüten rochen wunderbar, und das sonnengedörrte Holz der Kabinen und die Wäsche der triefenden Schwimmanzüge. Der Kies brannte die zarten Kinder- und Frauensohlen. Vom Wald kam Tannenharzduft, und von den Hausgärten kamen Millefleursgerüche. Meine Mama hielt mich zärtlichst mitten im Teiche, der für mich ein Ozean war! Sie verschwendete ihre romantische Zärtlichkeit an ein egoistisches, verständnisloses Kindchen, das ihren Hals in Angst umklammerte. Wunderbar ist der eingedämmte Bach, von der Station aus bis zum Bade. Links ungeheure üppige Wiesen, die zu nichts zu dienen scheinen und herrliches, dichtes Unkraut produzieren, für nichts und wieder nichts. Der Wind rauscht eigentümlich in den Tannen. Man hält es für einen mysteriösen Aufenthalt für Rekonvaleszenten, für kleine zarte Mäderln. Es ist so ein Sanatorium für müde Menschen. Die graublaue Ursprungsquelle von vierundzwanzig Grad Celsius ist wie lebenspendend. Sie spricht nicht viel, sie murmelt und gewährt! Viele Hausgärten sind voll von Frieden und Pracht. Im Cafégarten hart beim Bade ist es kühl vor Baumschatten wie in einem Keller. Daneben ein unbekannter Park wie ein Urwald. Niemand hat ihn vielleicht je betreten, ihn gestört in seinen überschüssigen Kräftespendungen! Wozu braucht man Brasilien und Lianenverstrickungen und Blütendunst und Geranke?!? Dieser Park ist Urwald. Vöslau, immer noch, seit fünfundvierzig Jahren, ist deine Station grünbefranst, und in dem Bache plätschern lustig die Enten, die unmittelbar darauf abgestochen werden, denn der murmelnde Bach ist nur ein letztes Reinigungsbad, gleichsam eine Vorleichenwaschung. Beim Bade duftet es nach Lindenblüten. Nichts hat sich verändert. Nur meine Mama ist nicht mehr.

EIN BRIEF

Lieber Stefan Großmann,

in meinen entsetzlichen Qualen habe ich heute soeben Ihren herrlichen Essay über und für Frau Tolstoi gelesen. Es ist großartig. Nur eines: Das männliche Genie geht eben in seinen langsamen Weltentwicklungen zuerst vom gewöhnlichen allgemeinen irdischen Leben aus, völlert, bekehrt sich sodann, gründet Familiensegen, sucht Frieden wie ein jeder gewöhnliche Sterbliche. Dann, im Alter aber erschaut es die idealeren Welten, ist jedoch von seinen vorherigen Entwicklungsstufen gebunden, ja geknebelt, kann und darf sie nicht los werden, und lebt doch bereits zugleich in Welten, die das bisherige althergebrachte irdische Sein überflügelt haben. — — — Wie wenn einem Heranwachsenden noch immer die getreueste Mutterbrust ihre Milch anböte, während er längst über diese Periode seiner irdischen schwächlichen Kleinlichkeit hinausgewachsen ist!?! Der Träumer, der Denker, der Prophet, der Vorherseher, der Menschen-Erhöher schwingt sich von selbst, ohne es zu wissen, in Regionen einer anderen künftigen Konstellation, während er historisch-atavistisch noch mit den ehernen Klammern alltäglicher und gewohnter Notdurften am bisherigen gebräuchlichen Dasein festverankert ist! Das ist seine Tragik! Daher seine organische Undankbarkeit gegen jene, die einem Stoffe in ihm dienen, den zu überwinden und immaterieller zu machen, er die ersten genialen Versuche unternimmt. — — — Man degradiert ihn also in allerbester Intention, zu einer bereits geistig überwundenen Entwicklungsstufe seiner selbst. Preisen wir seine adeligen Betreuerinnen, aber vergessen wir dabei zugleich nie, daß es in genialen Prophetengehirnen Entwicklungsembryos gibt, denen Frauen und Freunde ratlos, ja unbewußt feindselig, sich entgegenstemmen! Die Henne brütet ein Entlein aus, betreut es, sucht es vor allem vor der Gefahr »Bächlein« zu bewahren. Aber das Entlein strebt nach dem fließenden klaren Wasser, und die mütterliche Henne blickt in Todesangst den Schwimmkünsten des Entleins in seinem ihm organischen Elemente nach! Henne, bescheide dich, Entlein, schwimme, tauche! Genie, du bist zwar undankbar, aber es ist eine organische, von Gott gesegnete Undankbarkeit, die den kommenden Menschen zugute kommen muß. Die Frauen betreuen die Genies, aber die Genies betreuen die Menschheit! Beide gehen zugrunde in ihrem merkwürdigen unentrinnbaren Lebenswerke, das in der Weltentwicklung vorgesehen, vorbedacht und wohlerwogen wurde vom göttlichen, meist noch gänzlich unfaßbaren Willen!

Frau Tolstoi, du bist nicht minderwertig; Herr Tolstoi, du bist nicht mehrwertig; in allen lebt und webt die göttliche Seele, unerforschlich, und dennoch geahnt und gespürt von einigen wenigen — — —.

Ihr Peter Altenberg.

DER FORTSCHRITT

Es ist tragisch genug, daß die meisten Verbesserungen in jeglicher Sphäre des Lebens wie von einer heimtückischen bösen Macht, vor allem vom bösen Zauberer »Gewohnheit« hintertrieben, aufgehalten, zerstört werden. Bei vielen Dingen kann man Gründe dafür finden, und sich daher wenigstens teilweise historisch-philosophisch über das Beharrungsvermögen des menschlichen Geistes beruhigen. Es gibt jedoch eine ganze Anzahl herrlicher Neuerungen, deren Nichtpopulärwerden man absolut nicht begreift. Dazu gehört die amerikanische Schuhputzmaschine. Ich kenne eine einzige in ganz Wien, im Hausflur des Cafés am Mehlmarkt. Man wirft zehn Heller in den Spalt, und dein Fuß wird dir sanft hineingezogen in die Maschine, und der Schuh dabei von Staub und Kot gereinigt. Dann wird er ebenso sanft wieder herausgeschoben und dabei gewichst und glänzend gebürstet! Man muß nur die Hose ein bißchen hochheben, da diese weder gewichst noch auch glänzend gemacht zu werden wünscht. Auch muß dein Fuß der Maschine völlig nachgeben, denn sie allein weiß, was für deinen Schuh zweckmäßig ist, und sie entläßt ihn erst zur rechten Zeit. Weshalb sind solche herrlichen und gutmütigen Maschinen nicht schon längst in den Vestibülen von Hotels, Cafés, Theatern aufgestellt?! Es ist fast eine Tragödie, es zu erleben, wie selbst in den allereinfachsten Dingen niemand das Herz und den Sinn dafür hat, seinen Nebenmenschen das Leben ein bißchen zu erleichtern. Dabei wäre es noch ein Geschäft, natürlich für beide Teile. Wie muß man da im vorhinein verzichten, in noch schwierigeren Lagen, unterstützt, betreut zu werden!?

Jemand sagte zu mir: »Es paßt mir nicht, daß diese Maschine mir meine zarten Chevreauschuhe mit einer minderwertigen Creme putzt!« Ich erwiderte ihm, daß die Maschine nur Staub und Kot entferne und dann glänzend bürste, also eigentlich mit jener Creme, die ein jeder Schuh schon von selbst habe. »Ach so,« sagte er tief enttäuscht darüber, daß er der neuen Schuhputzmaschine, die bescheiden ihre Pflicht erfüllt, kein Klampfl anhängen konnte, ihr kein Bein stellen konnte, über das sie schmählich stürzen müßte!

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