Rastlos aber, vom Satan Gejagten gleich, stürmen die Anderen enttäuschungsschwangeren Zwecken entgegen, und ihre Seele bleibt ungenützt, verdirbt, schrumpft ein, stirbt ab!
Jeder Tag bringt einen Abend, und in der Bucht beim Toscana-Garten steht Schilf, und Weiden, und Haselstauden hängen über, ein Vogel flüchtet, und alte Steinstufen führen zu weiten Wiesen. Nebel zieht herüber, du lässest die Ruder sinken, und niemand, niemand stört dich!
ÄSTHETEN
Ich habe zwei Ästheten erster Güte kennen gelernt, einen jungen Mann und seine junge Gattin. Sie schaut aus, wie man sich den siebzehnjährigen Dante vorstellt. Sie trägt arabischen und indischen Schmuck. Sie leben im Tessin, am Lago Maggiore, in einem alten Steinhaus inmitten eines Edelkastanienurwäldchens. Jeder Satz, den sie äußert, ist ganz tief aus dem Geiste der Menschheit herausgeschöpft. Was sind eigentlich Ästheten, die uns brutaleren, zynischeren Naturen doch gänzlich ferne liegen?! Es sind Organisationen, bei denen sich die Urinstinkte völlig in Betrachtung und Genießen der zahllosen wertvollen Dinge der Welt aufgelöst, ja verflüchtigt haben. Alle Gemeinheiten, denen wir noch wie böse Tiere hie und da unterworfen sind, sind nicht mehr in ihnen. Der Friede ist in sie eingezogen, durch den ewigen Anblick von Gottes Weltenschönheiten, Weltenmerkwürdigkeiten. Solche Frauen blicken verklärter als alle anderen, denn ihr Reich ist, trotz allen Anscheins, nicht hienieden. Sie werden erlöst von der Sünde in jeglicher Beziehung; deshalb blicken sie mystisch, in kommende Welten hinein — — —. Jeder Mensch kann sich aus eigener Macht zu einem geistig-seelischen Organismus hinaufgestalten; und er und seine Umgebung hätten den Vorteil davon. Aber nur wenige unternehmen es. Ästheten sind, für brutale Organisationen betrachtet, wie gebrechliche Spielzeuge des Lebens, in linden Lüften und linden Düften dahinschaukelnd, tödlich verwundet von jedem rauhen Wort sogar. Es gibt Dinge, die man in ihrer Gegenwart nie auszusprechen wagte. Man muß durch sie von selbst ein feinfühligerer Mensch werden im Augenblick, obzwar man sich natürlich dadurch beengt fühlt. Aber mit Jeanne d’Arc hätte man ja auch nicht ungezogen oder sexuell sein können. Um gewisse Organisationen lagert eben die Atmosphäre Gottes, und da erlischt dann allmählich in den Augen des Lebenszynikers sein satanisch-ironisches Lächeln! Heil ihnen! Sie haben mehr gesegneten Frieden als wir anderen, wir Barbarischen — — —. Sie sind »Naturmenschen« einer erhöhteren, erst anbrechenden Kultur, die dann nach langer Zeit zu einer zweiten Natur werden wird! Ästheten sind übertriebene Vorläufer einer gottgefälligeren Seelenentwicklung!
ERINNERUNG
Der Rathauspark duftet nun von edlen Bäumen und edlen Sträuchern. Es ist kühl und schattig. Aber damals war es eine endlose graue Wiese mit eingetretenen staubigen oder kotigen schmalen Fußwegen. Eines Tages stand eine grüne Bretterbude da, das erste Wandelpanorama in Wien, genannt »Der Rigi«. Es roch nach Öllämpchen, und mein Hofmeister und ich saßen in der ersten Reihe auf Strohsesselchen. Der Rigi und alle Seen und Bergesketten zogen an uns vorüber, zu den Klängen eines italienischen Werkels. Dann wurde es allmählich finster, und die Berghotelfenster beleuchteten sich, denn sie waren ausgeschnitten und dahinter Licht. Das gefiel mir. Später machten wir eines Tages die erste Pferdetramwayversuchsfahrt mit, vom Schottenring bis Dornbach. Es fiel mir auf, daß es fortwährend klingelte, was bisher bei den Fuhrwerken nicht zu beobachten war. Man hielt das Ganze für gefährlich und unsicher und glaubte nicht recht daran, daß es sich einbürgern werde.
Die Sonntage wurden in Hietzing bei »Domayer« verbracht. Es fiel uns angenehm auf, daß unser Vater dem Fiaker, der uns führte, du sagte und sich in leutselige Gespräche mit ihm einließ. Er kam uns vor wie ein milder Potentat. Die Trinkgelder waren enorm, gleichsam die Entschädigung für das vertrauliche du. Die Rückfahrten vom Lande abends sind das Schönste; da schläft man wie ein Toter. Man verflucht den Moment der Ankunft, der Wagen ist das wunderbarste Bett gewesen. Aber jetzt kommt Stiegensteigen, Ausziehen, eine unsäglich beschwerliche Arbeit.
Gebratene Äpfel spielten bei uns eine große Rolle. Alles duftete in den Zimmern danach. Das ist ganz abgekommen. Auch gedünstete Kastanien, goldigglänzend, auf schwarzgrünem Kohlpüree, waren eine Festspeise, die jetzt im Absterben begriffen ist. Die neue Generation macht sich nichts daraus.
Wir vergötterten unsere Hofmeister und Gouvernanten, und sie uns. Die Eltern spielten nur eine zweite diskretere Rolle, traten erst in Aktion bei außergewöhnlichen Ereignissen. Sie waren einfach der »Oberste Gerichtshof«. Wir lebten »romantische Idyllen«, deshalb fiel es uns später so schwer, dem realen Leben Genüge zu leisten — — —.