Nun aber erkannte der König den fremden Ritter sogleich an dem Taschentuch, das dieser sich um das Bein gebunden hatte; die vornehmsten Cavaliere nahmen ihn darauf in ihre Mitte und ritten mit ihm nach dem Königsschloß, und als die Prinzessinn ihn von ihrem Fenster aus sah, ward sie so froh, daß es gar nicht zu sagen ist. »Da kommt mein Bräutigam auch,« sagte sie. Er aber nahm den Salbenkrug und strich sich von der Salbe aufs Bein und bestrich auch alle Verwundeten damit, und da wurden sie augenblicklich alle wieder frisch und gesund. Hierauf bekam er die Prinzessinn zur Gemahlinn. Aber als er am Hochzeitstage in den Stall zu dem Pferd kam, stand dieses ganz betrübt da und wollte gar nicht fressen. Der junge König — denn er war jetzt König geworden und hatte das halbe Reich bekommen — fragte, Was ihm fehle. Da sagte das Pferd: »Jetzt hab' ich Dir durchgeholfen; aber nun will ich nicht länger leben. Nimm jetzt Dein Schwert und haue mir den Kopf ab!« — »Nein, das thu' ich nicht!« sagte der junge König: »Du sollst das beste Futter haben, das Du Dir wünschen magst, und sollst von nun an beständig in Ruhe leben.« — »Wenn Du nicht thun willst, Was ich Dir sage,« versetzte das Pferd: »dann muß ich Dich ums Leben bringen.« Da konnte der König nicht anders, sondern mußte thun, wie das Pferd wollte. Als er aber das Schwert aufhob, um zuzuhauen, da war er so betrübt, daß er das Gesicht wegkehren mußte, um den Hieb nicht zu sehen. Kaum aber hatte er ihm den Kopf abgeschlagen, so stand ein schöner Prinz da, wo vorher das Pferd gestanden hatte. »Wo in aller Welt kommst Du her?« fragte der König. »Ich war das Pferd,« antwortete der Prinz: »Ehedem war ich König in dem Lande, wo nachher der König regierte, den Du gestern in der Schlacht getödtet hast; er war es, der einen Zauberham auf mich geworfen und mich an den Trollen verkauft hatte. Weil er aber nun getödtet ist, bekomm' ich mein Reich zurück, und Du und ich werden Nachbarkönige; aber wir wollen nie mit einander Krieg führen.« Und das thaten sie denn auch nicht; sie blieben Freunde, so lange sie lebten, und kamen oft, einander zu besuchen.
15.
Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau.
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die heiratheten einander, und jeder von ihnen hatte eine Tochter. Die Tochter der Frau war faul und träge und mochte nicht das Geringste thun; aber die Tochter des Mannes war fleißig und flink, und doch konnte sie der Stiefmutter nie Etwas zu Dank machen. Einmal sollten die beiden Mädchen am Brunnen sitzen und spinnen. Die Tochter der Frau aber bekam Flachs zu spinnen, und die Tochter des Mannes nichts Anders, als Schweinsborsten. »Du bist nun immer so flink und ferm, Du,« sagte die Tochter der Frau: »aber dennoch fürchte ich mich nicht, mit Dir um die Wette zu spinnen.« Sie wurden nun darüber einig, daß Der, dem zuerst der Faden auslief, in den Brunnen sollte. Wie sie nun anfingen zu spinnen, so lief der Tochter des Mannes zuerst der Faden aus, und die mußte nun in den Brunnen. Sie fiel unverletzt bis auf den Grund; dort unten aber sah sie weit um sich her eine schöne grüne Wiese.
Sie ging nun fort und kam zu einem Reiserzaun, da wollte sie hinüber. »O, tritt nicht so hart auf mich!« sagte der Zaun: »ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Sie machte sich nun so leicht, als sie konnte, und stieg so vorsichtig hinüber, daß sie den Zaun nicht einmal berührte.
Nun ging sie eine Strecke weiter und kam zu einer scheckigen Kuh, die einen Milcheimer an den Hörnern trug; es war eine große schöne Kuh, und ihr Euter war so voll und rund. »O, sei doch so gut und melke mich!« sagte die Kuh: »denn mir ist das Euter so straff von der Milch; trinke so Viel Du willst und gieße den Rest auf meinen Huf; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen that, wie die Kuh sie gebeten hatte; sowie sie nur die Zitzen anfaßte, spritzte die Milch in den Eimer; sie trank darauf, bis sie ihren Durst gelöscht hatte, goß dann der Kuh den Rest auf den Huf, und den Eimer hängte sie ihr wieder an die Hörner.
Als sie ein Ende weiter gegangen war, begegnete ihr ein großer Schafbock, der war so dick und hatte so lange Wolle, daß er sie auf der Erde nachschleppen mußte, und an dem einen Horn hing eine große Schere. »O, sei doch so gut und scher' mich!« sagte der Bock: »denn ich erliege unter der Last meiner Wolle, und mir ist so heiß, daß ich beinahe ersticken möchte; nimm so Viel Du willst und wirre mir den Rest um den Hals; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen zeigte sich sogleich bereit, zu thun, wie der Bock sie gebeten hatte, und dieser legte sich von selbst auf ihren Schoß, und da lag er ganz still; und sie schor ihn so behutsam, daß sie ihn auch nicht ein einziges Mal ins Fell schnitt. Darauf nahm sie von der Wolle so Viel sie wollte, und den Rest wirrte sie dem Bock um den Hals.
Etwas weiter hin kam sie zu einem Apfelbaum, der war so voll von Äpfeln, daß die Zweige sich zur Erde niederbogen, und an dem Stamm stand eine kleine Stange. »O, sei doch so gut und pflücke meine Äpfel ab!« sagte der Baum: »damit meine Zweige sich in die Höhe richten können; es ist so beschwerlich, immer so krumm zu stehen; die Du nicht mit der Hand erreichen kannst, schlage mit der Stange ab, aber schlage ja vorsichtig, damit Du mich nicht zu Schanden schlägst; iß dann so Viel Du willst und lege den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen pflückte nun so viel Äpfel ab, als sie mit der Hand erreichen konnte, und die übrigen schlug sie vorsichtig mit der Stange herunter; darauf aß sie sich satt und legte den Rest noch so sauber und nett unten an den Stamm hin.
Sie ging nun eine gute Strecke weiter, und endlich kam sie zu einem großen Hause, wo ein Trollweib mit ihrer Tochter wohnte. Da ging sie hinein und fragte, ob sie nicht einen Dienst bekommen könnte. »O, es kann nichts nützen,« sagte das Trollweib: »denn wir haben schon Viele gehabt, aber Keine von ihnen hat was getaugt.« Das Mädchen aber bat so artig und so flehentlich, sie doch in Dienst zu nehmen, bis sie sie denn endlich nahmen; und nun gab das Trollweib ihr ein Sieb und befahl ihr, Wasser darin zu holen. Es däuchte dem Mädchen zwar etwas ungereimt, Wasser in einem Sieb zu holen, aber sie sagte doch Nichts, sondern ging willig hin, und als sie zu dem Brunnen kam, sangen die Vöglein:
»Kleb' mit Lehm,