„Ist ja kein Unglück“, sagte der Pfarrer, „hast es halt ein wenig schnell gemacht. Setz’ die Laterne da auf den Stein, und mach’ Ordnung, ich wart’ auf dich.“
Ich ging hinauf in das Dickicht und zog aus und zog an, und eilte, daß doch der Knecht dieweilen nicht sterbe, und endlich, als alles recht saß, barg ich mein Gesicht in den Ellbogen.
Um mich aus der Verlegenheit zu befreien, begann der Greis ein Gespräch und erkundigte sich um die näheren Zustände des Knechtes. Er beschleunigte seine Schritte und sagte mir, daß es für einen Priester sehr peinlich sei, auf seinem Versehgange zum Kranken nur mehr einen Toten zu treffen und unverrichteter Sache wieder zurückkehren zu müssen. „Einmal hab’ ich das erfahren, mein lieber Kleiner. Es war vor mehreren Jahren. Ich wurde hinein in die Kiengräben zu einem Holzhauer gerufen, den als Wilderer die Kugel eines Jägers getroffen hatte. Sein einzig Sehnen war nach einem Priester; stundenlang rang er mit dem Tode und in Verzweiflung rief er: Ich muß warten auf meinen Gott und Richter. — Aber der Weg bis in die Kiengräben ist weit, und ich fand den Mann erstarrt, und auf seinen Zügen und in seinem gebrochenen Auge lag noch die Todespein. — Im Chorrock, und auf den Händen das Sakrament, so mußte ich wieder umkehren; und auf demselben Gang hab’ ich keine einzige Vogelstimme gehört im Walde, und mir ist so schwer und weh gewesen, als hätten mich alle unerlösten Seelen der Erde verfolgt. Kleiner, was das heißt, ein Priester sein — es ist nicht zu sagen!“
Der Pfarrer schwieg, trocknete seine Stirn, und wir schritten weiter und weiter.
Wir stiegen den Berghang hinan gegen unser Haus. Die Nebel hatten sich aufgelöst, und die Sonne stand schon ziemlich hoch am tiefblauen Himmel. Die Almglocken klangen auf den Höhen, und zeitweilig hörte man, in hohen Lüften getragen, das helle Jauchzen eines freudigen Menschen. — Ei wohl, unser Knecht hatte auch schön gesungen und hell gejauchzt, und an diesem lieblichen Morgen soll er gar auf dem Totenbette sein!
Das Haus stand still und traurig auf der Anhöhe. Wohl glänzte die Sonne in den Fenstern, aber diese sahen uns entgegen, wie verglaste, verweinte Augen.
Ich zitterte vor Angst; ich hielt die Laterne hoch und das Glöcklein ließ ich klingen. Niemand kam uns entgegen, niemand kniete vor dem Hause, um sich den Segen des nahenden Heilandes zu erbitten. Die Türen waren offen, wir gingen in das Haus und durch die Vorlauben in die Stube. Es war niemand da, nur die Uhr an der Wand tickte und tickte.
Der Kranke ist noch auf dem Heuboden, dachte ich, und sie sind alle bei ihm. Der Pfarrer stellte das Sakrament auf den Tisch und sank erschöpft auf die Bank daneben. Ich eilte auf den Heuboden und rief laut, daß wir da seien. Der Heuboden war still und dunkel, nur das frischduftende Heu war da. Und das Bett des Knechtes war leer! — Da erfaßte mich ein Grauen, und ich lief zurück in die Stube: „Kein Mensch ist da, kein Mensch im ganzen Hause; sie haben ihn gar schon fortgetragen!“
Da erhob sich der Priester, sein Antlitz rötete sich und er sah mich an mit strengem Blicke. Ich brach in ein Weinen aus. Wir ließen die Heiligtümer auf dem Tische stehen und gingen vor das Haus, und ich rief, was ich rufen konnte, nach den Leuten.