Ich kollerte von dem Bette auf die Streu hinaus, stieß in der Verwirrung an die Glockenkuh, daß sie mit einem ohrenzerreißenden Geschelle aufsprang, und ich taumelte der Türe zu.

„Schreck’ dich nicht, Bub’, und mach’ dir nichts draus“, rief der Hefelrainhofer wieder, „schlupf’ geschwind in deine Hose hinein, du mußt eilig hinablaufen nach Kathrein um den Herrn Pfarrer, ’s will uns der Hansjörgl sterben!“

„Der Hansjörgl will sterben!“ sagte ich zitternd und nestelte die Türkette auf, „ja warum denn und wegen was denn?“

„Der lieb’ Herrgott wird’s wissen! Da kugelt er oben in seinem Bett und schiebt die Augen über und ächzt — und — nein, meiner Tag hab’ ich so was nicht erlebt. Geh’, Bübl, geh’, wenn du den Pfarrer bei Zeiten bringst, so kriegst einen Sechser. Und das letzt’ Öl soll er dennoch wohl auch mitbringen — und begraben laß ich den Hansjörgl mit dem großen Kondukt. Ach, mein guter, rechtschaffener Knecht!“

Ich weiß nicht, wie ich’s gemacht hatte; ehe noch der Bauer aufgehört zu sprechen, war ich angezogen, und in den nächsten Augenblicken schon eilte ich den Berghang hinab. Zerrissene Wolken hingen am Himmel, matt schien der Halbmond, in den Ästen der Tannen fächelte zeitweilig der Wind. Meine Schuhe machten ein Getöse in den Steinen des Hanges, mir voran und zur Seite kollerten diese hinab, und ich kollerte schier auch selbst mit ihnen. Und ich ging durch Täler hinaus, oft hingen Bäume derart über mir zusammen, daß ich keinen Boden, keine Wurzel, keinen Stein mehr sah, daß ich im Schwarzen dahinwandelte, stolperte, in Pfützen sprang, an Bäume prallte — in Todesangst war. Neben mir hin rauschte der Waldbach. Oft hörte ich Gekrächze über mir, Schritte hinter mir, und ich meinte, der Knecht sei bereits gestorben und sein irrender Geist folge mir. Ich hatte Angst um meine arme Seele, ich betete im Herzen, ich versicherte den lieben Gott und alle Heiligen, daß ich all’ mein Lebtag keine Sünde mehr begehen wolle, wenn ich diesmal in Gnaden bewahrt bliebe. Und bis auf einige blaue Ballen an Gesicht und Händen blieb ich in Gnaden bewahrt. Nach Stunden kam ich nach Kathrein, und da ging die Morgenröte auf.

Ich eilte zum Pfarrhof und riß mit beiden Händen an dem Drahte der Türglocke so heftig, daß ich von innen einen Jammerschrei hörte. Dann wurde ein Fenster aufgerissen, und die alte Haushälterin in schneeweißem Nachtgewande rief alle Namen der Himmel um Antwort an, wer denn Sturm läute in solcher Stunde. Da öffnete ich denn mein bedrängtes Herz: „Der Hansjörgl will sterben — das letzte Öl soll er auch mitnehmen, und begraben läßt er ihn mit dem großen Kondukt!“

Ich wurde verstanden. Schwer mag’s dem greisen Mann gewesen sein, nun aus den weichen Federn fort, in die frostige Herbstluft hinaus, und nüchtern in das Gebirge. Aber er ging. Lautlos kleidete er sich an, eilte zur Kirche, läutete selbst das Versehglöcklein, holte das Heiligste und ging mit mir. Ich ging voran, trug in der einen Hand die brennende Laterne, in der andern das Metallglöcklein, mit dem ich schellte, auf daß die Menschen in den Häusern und Hütten, an denen wir vorüberzogen, auf die priesterliche Handlung aufmerksam gemacht würden.

Wir gingen denselben Weg, den ich hergegangen war. Das Wasser rauschte; ich schellte den Fischen, daß nun ihr Schöpfer vorüberziehe, und daß sie anbetend ihre Köpfe emporrecken sollten aus den Wellen. Keine einzige Forelle hat mein Glöcklein gehört.

Als es nach und nach licht geworden war, begann der Pfarrer hinter mir plötzlich zu lachen. „Ja, was hast du denn gemacht, Kleiner, du hast ja dein Höslein verkehrt an!“

Da gab’s mir einen Stich im Herzen; vor meinen Augen tanzten Sterne. — Was hat er gesagt, mein Höslein verkehrt? — Es war wohl so! — Das Hintere war vorn, das Vordere war hinten, und kein einzig Knöpflein war zu.