Das Fest der Gürtelsprenge.
Mir ist aus jener Zeit, in der ich solche Feste noch mitmachte, ein Geschichtchen in Erinnerung.
Ich war noch im Hefelrainhof beim Vieh. Die Heue war vorüber, und unser Knecht hatte zwei Tage lang fast nichts gegessen, um sich auf den nahenden Genuß gebührend vorzubereiten. Es waren Stunden aufgeregter Erwartung, bis am dritten Tage zum späten Mittag der Bauer das weiße Tuch, mit dem roten Streifen in der Mitte, über den Tisch zog. Dann legte er die glänzend gefegten Messer und Gabeln und Löffel auf ihre Plätze. Dann begann er in gehobener Stimmung — er hatte heute auch reine Wäsche an — Weißbrot aufzuschneiden. Ich stand neben dem Tisch und sah, wie der Haufen der Brotspalten immer mehr anwuchs und anwuchs. Hansjörgl, der Knecht, beobachtete diesen Vorgang nicht ohne Mißtrauen; — wozu das viele Brot hier? Soll das etwa bestimmt sein, die Haupträumlichkeiten zu füllen, auf daß feinere Bissen nicht sollen untergebracht werden können? — Endlich kam der dampfende Milchtopf, und der Tisch ächzte, und die Massen der Brotspalten wurden hineinversenkt, so wie sich bei Erdrevolutionen Berge versenken in die Tiefen des Meeres. Wir beteten, dann setzten wir uns alle zu Tische.
Der Knecht begann zu essen, still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Als die Milch und das darauffolgende Speckkraut abgetan war und die Lasten der Roggenknödeln erschienen, fühlte ich die früher so mächtigen Sympathieen für die Gegenstände nach und nach schwinden — ich war gesättigt. Ich sah nur sinnend zu, wie die bedeutsamen Reihen der Gerichte vorüberzogen, die Butterschnitten und die Rahmstrudeln und die Fleischnudeln, und das Schottenkoch und die Milchkrapfen und das Schmalzmus. Sie aßen und redeten dabei von Dingen, die sich früher bei dem Feste der Gürtelsprenge zugetragen hatten und in der Zukunft noch zutragen können. Der Knecht redete nicht, er saß und aß still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Es kamen noch fernere Gerichte und fernere Gespräche, und der Knecht aß still und langsam fort. Als sie bei den Butterkrapfen waren, hörte man ein leichtes Schnalzen — es war sein Gürtel auseinander gesprungen. Der Knecht ließ ihn auseinandergesprungen sein, blieb in seiner Ruhe und aß.
Endlich aber blieb die geleerte Schüssel auf dem Tische stehen, und es kam nichts mehr. Der Knecht blickte befremdet auf; — wo spannt sich’s denn? ja, geht’s denn nicht allweg so fort? — Er war schwermütig, er dachte an das Los alles Zeitlichen, er erhob sich, er ging in das Freie, er stand eine Weile still und sah hinaus in die Berge und Täler, er stieg empor zum Heuboden, er legte sich in sein Bett.
Es nahte schon der Abend.
Über den Almen zogen Nebel, wie sie sich zur Herbstzeit gern über das Gebirge niedersenken. Ich ging hinaus auf die Halde und rief so lange: „Hoi ho, hoi ho!“ bis die Kuh mit der Glockenschelle auf mich zukam und ihr die Heerde nachfolgte. Dann führte ich sie zum Hause und in den Stall.
Als dieses geschehen, und als gemolken war, gingen wir zur Abendsuppe; ich hatte wieder recht Appetit, und der Bauer sagte, so eine saure Suppe könne er zu jeder Zeit essen, und sie sei ihm lieber wie die besten Butterkrapfen. Aber der Knecht erschien nicht zur Suppe.
Endlich gingen wir alle zur Ruhe. Ich hatte mein Lager im Stalle, um die Rinder zu bewachen, daß sich keines etwa von seiner Kette losmache und die anderen beschädige. Mir war recht behaglich unter der Decke. Die Glockenkuh schellte noch eine Weile, weil sie sich an den Lenden leckte, und der Stier rasselte noch dann und wann an der Kette und gaukelte mit den Hörnern. Nach und nach ließen sie sich alle nieder auf die frische Fichtenstreu und begannen das Wiederkäuen. Einige Zeit hörte ich noch das gleichmäßige Gescharre der Zähne, dann sanken mir nach und nach die Augen zu. — Noch war mir, als säße auch der Knecht auf der Fichtenstreu, und rassele mit der Kette und gaukele wie der Stier, und kaue, wie alle anderen, und kaue ohne Ende.
Plötzlich weckte mich ein Poltern außen an der Stalltür. „Halterbub’, schreck’ dich nicht und steh’ auf!“ hörte ich rufen; es war des Bauern Stimme, und das Poltern an der Tür wurde heftiger.