„Alle guten und bösen Geister — bist du es, Rolf Rolfson Kok? O, du himmlische Güte, kommen wir wirklich noch einmal zusammen auf dieser niederträchtigen Welt? Ich bin es, Wachtkommandant! Kennt ihr mich nicht? Ja, Herzbruder, meine eigene Mutter möcht’ mich wohl nach einem solchen Ritt und in solcher Farb’ und Zerzausung nicht erkennen!“
„Sven Knäckabröd?! Sven, Sven?“ schrie der andere. „Hat dich der Derfflinger nicht ganz und vollständig geholt? Das ist freilich bei allem Elend das beste Abenteuer, was mir noch zu Teil werden konnte. So schickt sich alles, und darum bin ich vorgestern von der Rathenower Stadtmauer auf einen brandenburgischen Profossengaul gefallen, um dir heute hier aus dem Malheur helfen zu können! Halt’ gut, noch einen Augenblick halt’ den Kopf über dem Wasser, Sven! gleich hab’ ich dich auf dem Trockenen, soweit es bei diesem Regen von oben und diesem Morast von unten zu machen ist.“
Er hatte sofort nach dem Bündel Hanfstricke, welches von dem Sattelknopf seines Vorgängers in eben diesem Sattel herabhing, und für die Hälse der Marodeurs, Spione und sonstigen soldatischen Übeltäter beider Heere bestimmt war, gegriffen, es heruntergerissen und auseinandergewickelt. Mit vielem Geschick verknüpfte er die einzelnen Stricke miteinander und hatte bereits im nächsten Augenblick dem armen Korporal Sven Knudson Knäckabröd ein tüchtig und haltbar Seil zugeworfen; — nicht um ihn damit in die Ewigkeit hineinzubefördern, sondern um ihn so sanft als möglich aus dem Sumpfe der Mark Brandenburg hervorzuziehen. Nach einem ängstlichen und schweißtriefenden Abzappeln von einer Viertelstunde waren beide gerettet — der Korporal Sven wie sein Roß — und standen beide keuchend und schnaufend am Rande des verräterischen, grün überwachsenen Schlammes. Selbst der Frau Fortunata Madlener hatte Sven Knudson Knäckabröd, als er nach der Schlacht am roten Egg unter ihrer Pflege erwachte, nicht so zärtlich die Hand geschüttelt, wie er sie jetzt dem guten Kameraden aus der Krone zu Lindau schüttelte.
„Und nun, Bruder Sven, wie ist dir außerdem, daß du aussiehst wie ein Mohrenpauker bei einer Leibtrabantengarde?“ fragte der Korporal Rolf.
„Danke für die Nachfrage! Dumm, leer im Magen und jammerhaft im Sinn, Rolf Kok. Ach, Rolf Rolfson Kok, schauderhaft verbiestert!“
„In Lindau in der Krone haben sie eine Art Würste, an welche ich jetzo schon anderthalb Tage lang habe denken müssen. Und was den Wein vom vorigen Herbst betreffen möchte —“ der Korporal Sven ließ ein dumpfes Geheul vernehmen, gleich einem angeketteten Hofhund, welchem man ein Stück Schinken von Ferne zeigt; glücklicherweise geriet der Korporal Rolf schnell auf etwas anderes.
„Und Rathenow haben sie; und wer weiß, was sie noch alles haben. Zu Hunderten liegen die Unsrigen vom Regiment Wangelin in den Gassen und in den Häusern. O Sven, ich gäb’ heut’ noch mehr darum, als damals auf der Bastion zu Lindau, wenn ich den Weg zum Wrangel fände. Bei solchem Hunger und Durst solche Wehmütigkeit und solchen Grimm erdulden zu müssen, das hält nicht einmal ein Mensch aus, der mit dem großen Gustavus Adolfus auf Usedom landete und nachher alles mit durchmachte.“
„Das nächste Mal reiß’ ich nicht wieder aus, wenn die Brandenburger mich zu Gesicht kriegen; — ich halte Stand und lasse dem Trübsal ein Ende machen“, ächzte Sven.
„Das beste ists; ich bin mit von der Partie, Bruder“, sprach Rolf ebenso verzweifelt-grimmig. Im nächsten Moment horchte er wieder und rief sodann:
„Sieh, da ist die angenehme Gelegenheit schon. Horch, da sind sie wieder aneinander! Zu Pferde, zu Pferde und darauf los. Die Mähren brauchen eben doch nicht länger bei Atem zu bleiben als wir. Heraus mit den Plempen, und: Vivat ein ehrlicher schwedischer Reitertod! Was aber das übrige anbetrifft, so wäre es mir allmählich einerlei, wer den Weltball hinnähme, ob die Kron Schweden, oder dieser Kurfürst von Brandenburg mit seiner verwetterten Kavallerie!“