Sie stiegen mühselig von neuem auf ihre Gäule, die auch wieder und zwar fast menschlich seufzten. Um den verräterischen Sumpf herum ritten sie abermals in den Kiefern- und Rüsternwald hinein, dem vernommenen Schall des fernen Kanonendonners und der nahen Büchsenschüsse, Trompetenstöße und Menschenstimmen nach.
„Das ist Nauen, um welches die Konstabler spielen; und jetzo weiß man wenigstens wieder, nach welcher Richtung man die Nase zu drehen hat. Das ist auch ein Trost; aber der andere Lärm beweist mir, daß Schweden noch immer auf dem Rückzuge ist. Vorwärts, Bruderherz; einmal müssen wir unsere Löffel noch in den Brei tunken!“
„Sprich mir nicht von Brei, Rolf Rolfson Kok!“ bat Sven Knäckabröd kläglich. „Du könntest eben so gut von einem gebratenen Ochsen reden. Das Herz wendet sich mir jedesmal, wenn ich dich von Löffel, Messer und Gabel diskurrieren hör’, im Leibe um. Ja, vorwärts, Kamerad, und wollt’, es würde endlich einmal wieder licht vor uns; was wir auch auf der Landstraße finden möchten!“
Der Wunsch, welchen der Korporal Gockele vollkommen teilte, sollte ihnen noch vor Sonnenuntergang, — wenn man an einem solchen Regentage von Sonnenuntergang reden konnte, — gewährt werden. Nachdem sie noch manche Fährlichkeit des Weges überwunden hatten, kamen sie endlich wirklich aus dem Walde heraus, und zwar mit immer heftiger pochenden Herzen, und das war wahrhaftig kein Wunder.
Es war ein Brausen, Schwirren, Brüllen, Rufen und Kreischen in den Lüften, als ob sich auf der Erde Tausende und aber Tausende auf einem engen Pfade in höchster Not drängten — ein Brausen und Geschrei wie von Tausenden auf dem Marsche, und zwar auf einem Rückzugsmarsche! Das hallte von ferne unter den schweren, grauen Regenwolken her, als ob der Himmel es nicht hören wolle und das Gewölk wie eine Wand zwischen sich und den irdischen Jammer gelegt habe.
Näher und näher erscholl’s, je weiter die beiden Korporale vorwärts drangen, und als sie endlich den Wald sich lichten sahen, da erblickten sie schon zwischen den letzten Kiefernstämmen den Grund des Getöses, und als sie hervorritten aus der Dämmerung des Gehölzes, da spielte das große, aber schreckliche Schauspiel auf Entfernung von einigen hundert Schritten vor ihren Augen sich ab!
In der graufahlen Beleuchtung des abendlichen Regenhimmels dehnten sich die großen Sümpfe, das Havelland-Luch — und durch das Luch zog sich der schmale Damm, und auf demselben, so weit das Auge reichte, von einem Horizont zum andern, wälzte sich der schwedische Rückzug. Reiterei und Fußvolk, Geschütz, Bagage, Weiber und Schlachtvieh durcheinander, im wirren grausigen Getümmel vorüber; fern im Süd’ aber klang und donnerte das Gefecht der Nachhut. Die Brandenburger taten dort ihr Möglichstes, den Schrecken und die Verwirrung in den Gliedern des Feindes zu erhalten und den Kehraus nach besten Kräften vorzunehmen.
Wie zwei Bildsäulen saßen die zwei alten Kriegsgenossen des großen Königs Gustav Adolf auf ihren Pferden und starrten auf das erstaunliche Spektakel. Hunger, Durst und Ermüdung waren vollständig vergessen. Für sich und an sich selber fühlten sie nichts mehr. Sie starrten — stierten — und dann nickten sie beide zu gleicher Zeit mit den Köpfen, und dann — rollten wirklich ihnen die Tränen hell aus den Augen und verloren sich mit den ihnen ins Gesicht schlagenden Regentropfen in den weißen Bärten — —
„O Sven“, stöhnte endlich Rolf Kok, „sind wir darum so weit hergekommen? Sind wir darum aus dem Schlaf auferwecket, um das zu erleben? O Sven, o Sven, es ist aus mit uns, und ich wollte, der Herrgott hätte uns in unserer Versprengung belassen und uns nicht das Herz erregt durcheinander und durch den welschen Signor Tito Titinio Raffa, oder wie er hieß, der Ruffian!“
„Ich wollt’ es auch, Rolf“, seufzte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. „Auf mich und dich kommt es wohl nicht an, und was wir darüber denken, ist auch gleichgültig: aber daß dieses dem Karl Gustav, dem gewaltigen Konnetable Wrangel passieren muß, das ist das Elend! Sieh, und da sind die Kürassiers von Wachtmeisters Regiment. Da sieh nur, wie die Schufte in den Sätteln hängen und wie reitende Feldhasen über die Schultern gucken. Und das trägt Harnisch und Schwert! Da, da — sieh — da drängen sie sich gar gegenseitig von der Straße, um nur ja die eigene Schande unversehrt in Sicherheit zu bringen! Ach Schweden, Schweden, an manchem Sommerabende hab’ ich dich über die Berge und den See weg gesehen, sitzend wie eine Königin in Purpur. Da hab’ ich mein Heimweh stillen müssen, und nun sehe ich dich als ein Bettelweib, wie mit dem Knüttel aus einem fremden Hause gejagt! Was sagst du, Bruder? Ich sage, wir reiten nun eben mit bis zum Ende.“