Rückwärts schreitend zog sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd von Wangelins Dragonern zurück und schlich sich wieder aus dem Hause, stieg die Treppe wieder herab und verlor sich von neuem in der dunkeln Nacht.
Um die zwölfte Stunde hörte der Bub in der obersten Hütte auf der Lorena, plötzlich aus dem Schlafe erwachend, erst ein wildes, wütendes Anschlagen des Hundes, dann ein unterdrücktes Freudewinseln des Tieres und zuletzt ein Gepoch an der Tür. Zitternd und entschlossen zu gleicher Zeit, griff er nach dem Handbeil neben seinem Bett und schrie:
„Wer ist draußen? Hex’, Unhold und Strolch soll draußen bleiben — gut Freund komm eini!“
Da antwortete ihm eine heisere Stimme:
„Gut Freund, gut Freund!“ und der Bub schlug Licht und kam mit dem Kienspan an die Tür und öffnete. Eine schwere, harte Hand legte sich ihm auf den zu einem lauten Schrei aufgerissenen Mund, und Sven Knudson Knäckabröd flüsterte:
„Ja, Bursch, ich bin’s. Schrei’ nur nicht. Den Hund nehm’ ich mit herein — schließ’ die Tür, Melchior; ich bin’s in Fleisch und Blut; marsch auf dein Stroh zurück, ich krieche in meinen eigenen Winkel dorten; morgen früh wird sich ja wohl das übrige finden.“
Das war der festeste Schlaf, den der Korporal Sven Knudson Knäckabröd je schlief, aber der Bub Melchior Rädler schlief gar nicht wieder ein in dieser Nacht. Solange es noch dunkel war, saß er aufrecht auf seinem harten Lager und horchte auf das donnernde Geschnarch aus entgegengesetzter Ecke der Hütte. Und als es dann allgemach licht wurde, saß er noch aufrecht und blickte stier nach dem Schlafgenossen hinüber. Als aber die Spitzen der Berge im ersten Lichte des neuen Tages zu scheinen begannen, da erhob er sich; fuchsartig, verstohlen beugte er sich noch einmal über den heimgekehrten Korporal und schlich aus der Tür. In dem Augenblick, wo er sich draußen fand, fing er an zu laufen; in den weitesten Sätzen sprang er bergab, nach Alberschwende hinunter, und klopfte und hämmerte wie wahnsinnig an der Pforte seiner Brotherrin. Nach zehn Minuten befand sich das ganze Haus im hellen Alarm, und nach einer weitern Viertelstunde, als sich schon der Himmel im Osten mit schönster Glut färbte, hatte sich der Lärm bereits durch das ganze Dorf verbreitet.
Noch sprachen zwar die Bequemsten und Ungläubigsten von ihrem Bette aus: „Der Bub Melchior hat geträumt!“ Allein der Bub Melchior war seiner Sache eben gewiß, und die Frau Fortunata Madlener war um diese Zeit schon — auf dem Marsche zur Lorena empor.
Sie stieg bergan, gestützt, geschoben und gezogen von den stärksten Händen ihres Haushaltes. Aber auch der schwächere Teil ihres Haushaltes stieg mit. Daß die Hunde sich nicht ausschlossen, verstand sich von selber; aber auch das halbe Dorf folgte dem Zuge, und es war freilich ein sonderlicher Zug durch die graue Frühe, über die taufeuchten Halden und durch den noch phantastisch in Wolken und Nebel gehüllten Tannenwald.
„Ich will sanft gegen ihn sein, wie ein eintägig Lämmle“, murmelte die Taubenwirtin. „O, er soll es schon verspüren, wie sanft ich gegen ihn sein will; aber gestehen soll er, wo er sich umgetrieben hat. Was meinst, Aloysle, ob ich es wohl aus ihm herausschmeicheln und streicheln werd’? Ei, er soll sich schon wundern, wie schön man einem solchen, wie er, tut, wann er endlich nach Hause kommt. Ah — oh — uh, den Stein überleb’ ich nicht; stemm’ die Schulter an, Kasperle! Sachte, Fridolin, den Arm braucht er mir nicht ausreißen; — uh — oh — da — jetzt noch einmal zum letzten — da wä—ren — wir — o—ben!“