Allerlei Spielzeug.

Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur höllisch klein war, auseinandergedehnt, wie mein Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er sich einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein Sack draus worden, in welchem all' die unglaublichen Phantastereien einer ungezogenen Bauernbubenseele vollauf Platz gehabt haben.

Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen konnte, selber machte, so habe ich mir auch die größten Städte der Welt, die ich nicht sehen konnte, selber gebaut.

Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte mir das Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der spanische Brustthee vom Kaufmann, die Medizinflaschen vom Bader waren stets in gutes, oft sogar schneeweißes Papier eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit der Nähschere meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen oder verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser, Kirchen, Paläste, Türme, Brücken, bog sie geschickt zur passenden Form und stellte sie in Reihen und Gruppen auf den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür waren wohl die alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam es freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm anstatt Fenster und Uhren nichts als lauter Posten der »Abstattung« hatte. Als es aber ruchbar worden war, daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen Steuersummen der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution, indem mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche Gebäude unter den Tisch hinab wischte.

Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen ins Ebenholz hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie mir nicht ihre heilige Monika mit in den Wald leihen möchte.

»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet, »wenn sie nur ganz wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen. Was übrig blieben ist, das magst haben.«

So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika mit in das Ebenholz. Aber als ich in demselben zu lesen begonnen hatte, hub im Sacke die Nähschere meiner Mutter zu sticheln an: ob ich die Geschichte von dieser Heiligen denn nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus nicht etwa schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese grauen und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung denken könne, als daraus die schöne Weltstadt Paris zu bauen? – Ich wollte der alten Nähschere meiner Mutter nicht widersprechen.

Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte Schlagerhütte, die einst ein Bauernhäuschen gewesen und zwischen dem jungen Fichtenanwuchs verlassen und öde hocken geblieben war. Die Fensterchen waren ohne Gläser, die Thür war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle wucherten Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte das alte Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein Gespräch anheben. Mir war dieser Bau unheimlich gewesen bis zu jenem Tage, da mich und unseren Knecht Marcus im Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und wir uns in die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben heuer halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim das Schaltjahr und meinen, der Name komme von dem Schallen des Donners. Als der Regen fortwährte, fragte mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«

»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort, »aber wir sollen lieber den Wettersegen beten.«