»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«
»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.
Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten uns an den großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen Zweige funkelten und die helle Sonne zum Fenster hereinschien.
Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich ihr zu, setzte mich an den großen, wurmstichigen Tisch und schnitzte aus den Blättern der »heiligen Monika« die große Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser in langen Gassenreihen auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich mit blauen Heidelbeeren und roten Preißelbeeren – erstere waren die Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte ich Reihen von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.
Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen Blickes hinschaute auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten Gassen, die ich gegründet und wie ein Schutzgeist beschirmte, dachte ich: Nun soll über diese Stadt aber auch einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts mit einem Sturmwind? – Ich blies drein – hei, purzelten ganze Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut. Da endlich aber der Abend kam und meines Bleibens in der Hütte nicht mehr länger sein konnte, sann ich nach, wie ich die Stadt Paris am großartigsten zu Grunde gehen lassen könnte. – Eine Feuersbrunst? – Neunjährige Bauernjungen tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie sich doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit dem Tabakrauchen, bekannt zu machen trachten müssen.
Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach wenigen Sekunden standen ganze Viertel in Flammen. Die Bevölkerung war starr vor Schreck, das Feuer wogte hin, und die Mauern zitterten, und die kahlen Ruinen ringelten sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu wollen schien, so blies ich die Flammen gegen denselben hin – wehe, da flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den Fußboden, wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt wurde der Spaß Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt, das Stroh knisterte schon vernehmlicher, und ein greller Schein erhellte die Hütte. Ich wollte eben davonstürzen, als unser Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und mit einem buschigen Baumwipfel das Feuer totschlug.
Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann, aber das sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen und Brennen auf den Etzel hinausspielen wolle, so thäte er es dem Kaiser schreiben, daß er mich rechtzeitig köpfen lasse.
Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet und keine mehr zerstört. Ich ging von der Architektur zur Musik und Malerei über.
Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer Hausthür uns das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente kennen gelernt. Ich hatte einen alten Harfenisten nach Beendigung seines Ständchens sogar einmal angesprochen, ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß ich mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort noch einmal zu hören; worauf der Künstler antwortete, für einen Sechser bleibe er an unserer Thür stehen und spiele, so lange ich wolle. Damals ist mir der ganze Wert unserer legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten, brummigen Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag. Als ich denn vor dem spielenden Musiker, die Hände in den Hosentaschen, dastand, die Zehen in den Sand bohrte, gleichsam, als wollte ich mich einwurzeln, sprang plötzlich der Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.
Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel ab. Für einen solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet, meinte er, rückte die Harfe auf den Buckel und ging davon. Seit jenem Tage datiert mein Haß gegen die Schuster, die ihren Kopfwehtag haben.