Des Alten schmunzelndes, wichtigthuendes Gesicht anzuschauen, war für mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte, runzelige Gesicht mit den großen Wangenknochen, mit den völlig wasserfarbigen Äuglein, die fortwährend hinter den buschigen Brauen Versteckens spielten, wenn die Thaler aufmarschierten, dieses Gesicht war ein großer Spaß; und wie der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige Stirnhaut auf- und niederriß und selbst die Ohrläppchen bewegte wie ein Eselein – das war doch gar zu possierlich. Und nun kam mir auf einmal der Gedanke: Wenn der Toni schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges Gesicht macht, wie erst, wenn er zornig und wild ist? – Mit diesem Gedanken hebt die Geschichte an.
Eines Tages, als die Leute auf dem Felde waren, stieg ich mit etwas schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß herab und freute mich auf die Stunde, wenn der Toni wieder seine Thaler aufzeigen will und sie nicht findet. Das wird ein Gelächter geben! Aber ich lache still und sag' den Spaß erst am andern Tag.
Es war die genötige Schnittzeit, da wird bis in die späten Abende hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem Thalergucken. Ich vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben tragen und dem Vater die Kornschöberlein aufspreizen helfen. Auch waren die Kirschen reif, eine Zeit voll Sehnsucht für mich, denn ich wagte noch nicht den Stamm emporzuklettern, und das Niederziehen der Äste vermittelst Haken war scharf verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den Nachkommen Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges Wort, und verzichtete ich schließlich doch lieber auf die so hellrot niederleuchtenden Kirschen bis zum Samstagfeierabend, wenn sie mir der Vater regelrecht herabholte oder es der Hiasel that, der ein arger Kletterer war.
Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als der Hiasel hoch oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm bei jeder Schwenkung des Hauptes die frischen Kirschengabeln förmlich in den Mund hineinhingen, rief er zu mir nieder in's Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch auf keinen Kirschbaum könne! und warf mir – der ich die Haube nach Kirschen aufthat – ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang ergrimmt an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken war ich zu meiner eigenen Überraschung oben beim Hiasel.
Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich eingetretene Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft machen, als neben im Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm entstand. Der Toni sprang wie rasend zur Thür heraus, hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und schrie: »Mein Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«
Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht den Kopf wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe das ganze Haus untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten: das wäre ihnen auch auf der Welt noch nicht passiert, daß sie sich aussuchen lassen müßten, wie Schelminnen, aber sie thäten es von selber, würfen dem Bauer all ihre Habseligkeiten vor die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob die dumme Thalerbüchse darunter sei.
»Die dumme Thalerbüchse!« stöhnte der alte Knecht, »o Bauer! mein Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen vor lauter Unglück!« und er hub an laut zu weinen und ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen haltend, um's Haus herum, als müsse die Thalerbüchse irgendwo auf dem grünen Rasen liegen.
Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche darüber schalt, daß die Leute an ihren Gewandtruhen die Schlüssel stecken ließen, daß sie damit leicht ein ganzes Haus in Unehr' bringen könnten; sie halte aber dafür, der Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld aufs Kornfeld mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein Bettler, kein Handwerksbursch' oder sonst ein Fremder in den Hof gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse sie gewiß.
Mir, der ich auf dem Kirschbaumast hockte, war wunderlich zu Mute. Wenn ich jetzt nur wieder unten wäre! das Ding geht höllisch schief.
Im Hause wurde der Hiasel gerufen.