Wahrhaftig, wenn um die Hütte nicht einzelne, gelbe geringelte Ahornblätter herumgelegen wären, man hätte gemeint, es sei ein Juni-Abend.

Dieser Flechten- und Moosteppich, der sich über Erde und Gestein hinzog und sich an alle Glieder des Waldes schmiegte, mußte von den fleißigen Rosenfingern des Mai gewoben sein. Die hohen Fichten und Tannen hatten noch keine einzige ihrer Millionen Schmucknadeln, die sie vom Frühling erhalten, weggeworfen; sie standen gar stolz da in ihren dunkelgrünen Mänteln, jede hatte eine Krone auf, und sie standen so nahe beisammen, daß sie ihre Arme in einander verschlingen konnten. Selbst die kahlen Stämme hatten bis zu den ersten Aesten hinauf ihren Schmuck; ihre grauen und braunen Rinden waren so nett und verschiedenartig gezeichnet und geschnitzt, daß man meinte, die ganze Weltgeschichte sei in Holzschnitt da. Die kleine Wiese zwischen den hohen Bäumen, die rechts am Bache liegt und bis zur Hütte herausgeht, wollte auch noch Gutes thun; sie trieb mehr des jungen Grases, als die zwei weidenden Ziegen verzehren konnten, und am Rande des Wassers hatte sie einen zierlichen Wald von Farrnkräutern. Wie war denn dem kleinen Acker jenseits am Rain, den der Mirtl (Martin) durch Axt und Brand der Wildniß abgerungen, bis er, sorglich gepflegt, statt wilden Gesträuches volle Garben gab? Ihm war, als habe er noch zu wenig gespendet, und er trieb neue Keime.

Es war, wie an einem Juni-Abend, nur viel stiller und feierlicher; man konnte es weithin hören, wenn ein Ast seufzte. – Ein alter Ahorn stand auch im Gebirgsthal, aber der hielt sich hinter den drei Tannen, welche die Hütte, Mirtl’s Daheim, beschützten, verborgen, weil er keine grünen Blätter mehr hatte; diese waren ihm gestorben und abgefallen und nun hüpften sie in allen Farben und Ringelformen herren- und obdachlos im Thale aus und ein. Es kam heute dann und wann ein leiser Windstoß in das Thal, die Wolken waren weiß und „lämmerlich“ und gingen über das kleine, von hohen Bergen begrenzte Stück Himmel dahin, und vom Hochwald hernieder rauschte es.

Im Thale begann es bereits zu dämmern und der Mirtl saß auf dem Bänklein vor der Hütte und schärfte seine Axt mit einem Schiefer und befestigte sie dann an der Kraxen (Trage von Holz), auf welche bereits Mehlsack, Schmalzbutte, Hafen, Pfanne und verschiedene andere Gegenstände, wie sie der Holzknecht die Woche hindurch auf dem „Schlag“ benöthigt, gebunden waren. Mit dieser Beschäftigung fertig, stellt Mirtl die Kraxe in die Hütte, setzt sich behaglich auf die Bank und schlägt Feuer für sein Abendpfeifchen.

Mittlerweile hat sein Weib die Ziegen, die schon lange um die Hütte herum und sogar rückwärts auf das schiefe Rindendach gestiegen waren, in den Stall gethan, und war eben beim Melken für Abendsuppe und Frühstück, wenn der Mirtl morgen fortgehe. Dabei sang es einen „Almer“, den der Holzknecht vor dem Häuschen mit einer nicht unebenen Baßstimme schmunzelnd begleitete, bis ihm derweil sein Pfeifchen ausging.

Plötzlich klopfte es von innen an das kleine Fenster und hinter dem Glas wurde das gemüthliche Gesicht eines alten Mütterchens sichtbar: „He, Mirtl, wo sind denn heut’ die Kinder so lang’; geh’ schau ein wenig und bring sie heim; ’s geht auf einmal der Wind rechtschaffen kühl.“

„Nun, wird Euch schon zeitlang, Mutterl?“ entgegnete der Angesprochene, indem er aufstand, die Finger in den Mund steckte und pfiff. Nur der Wald gab Antwort, sonst blieb es still, bis Mirtl den Ruf wiederholte.

„Was hast denn, Mirtl, sind ’leicht die Kinder noch nit da?“ schrie die Melkerin vom Stall hervor; aber der Mann war schon auf und fort, er erinnerte sich, daß die Kleinen seit frühem Nachmittag nicht mehr um die Hütte waren. Es war schon dunkel. Auf der Wiese stand er still und blickte umher und horchte. Vom Lahmkogel hörte er das Bellen eines Rehes und im Hochwald rauschte der Wind. Sonst war Alles ruhig.

Dem Mann wurde bang, er pfiff noch einmal, dann rief er: „Hansl! – Julerl!“