Das erzähle ich, weil Martin wohl daran gedacht hatte, als er so da lag unter dem Lärchbaum und sein trübes Auge zum Kreuzbild wendete.

Jetzt erhob er sich, griff nach seinem grünen Filzhut und dann machte er einige rasche Bewegungen mit den Händen, daß er die Trägheit abschüttle.

Martin war ein schöner junger Mann in Alpentracht. Aber – wie die Natur schon oft spielt – er war ein Anderer als Andere. Es lag eine besondere Kraft in ihm – in seiner Seele. Er fühlte diese Kraft, aber er wußte nicht, wie sie in ihm entstanden war und was sie wollte. „Aus mir wär’ was geworden, wenn mich mein Vater in die Schul’ geschickt hätt’!“ Das sagte er oft und mit Bitterkeit. So wie er heute dalag unter dem Baum, so lag er oft, und da hatte er schwere tiefe Gedanken, wie sie sonst der Alpensohn nicht hat; er suchte nach der Kraft, die irgendwo in seiner Seele lag, wie nach einem Schatz, und er wollte sie heben. Sie lag drückend auf ihm, er rang mit ihr, aber er konnte sie nicht fassen, nicht lenken und leiten. – Dann hielt er oft seine beiden Hände lange vor die Stirne und rief aus: „Ich werde noch wahnsinnig!“

Oft war er schon ausgelacht und ausgespottet worden, und wenn er von Zeit zu Zeit gar Einen fragte: „Sag’, hast Du denn noch nie darüber nachgedacht, wie das ist, da sind so viele Millionen Menschen in der Welt und keiner ist glücklich? Ein klein wenig glücklich ist Mancher, aber Keiner ganz; bei Manchem fehlt gar nicht viel, aber es fehlt.“ Wenn er so fragte, so erhielt er die Antwort: „Narr, so schlaf’!“ oder: „Narr, so sauf’ Dir einen Rausch!“ – Und die so antworteten, waren noch nicht die Dümmsten.

Indeß, Martin schlief nur wenig und einen Rausch hatte er sich noch gar nie getrunken. Er zog nur im Gebirge umher und grub Wurzeln und Kräuter. Und wenn er sich auf einen Stein setzte, um auszuruhen, so kamen ihm immer wieder die Gedanken und er murmelte: „Es liegt wo – es muß wo liegen!“

Als sein Vater auf dem Todbett schwer danieder lag, stand er an demselben Tag und Nacht und that Alles, um ihn zu trösten und zu erquicken. Er war betrübt, aber er sagte: „Es muß einmal so sein und da kann Niemand dafür.“

Und als sich Martin einst einen Splitter in den Arm gestoßen hatte und sich in Schmerzen wand Tag und Nacht, und als die Leute sagten: „Ach, der arme Wurzelgraber Martin, ’s ist zum Todterbarmen, wie der leiden muß!“ rief er aus: „Wer kann dafür? Deswegen fällt die Welt ja nicht zusammen und Euch hindert gar nichts, daß Ihr lustig seid!“

Später aber, als von einem blutigen Krieg, der draußen gewüthet hatte, die Krüppel heimhinkten, da stieß Martin einen Fluch aus: „... du Gotteskreuz in der Mörderhöhle! Dafür, daß diese jetzt ein unglückseliges Leben tragen müssen, die Bettler – dafür kann wohl Jemand! Das haben die Menschen angestiftet! – – Wo liegt denn das Mittel, daß sie Alle in Fried’ und Freud’ zusammen leben? Die Erde wäre doch groß und schön genug dazu und Liebe ist auch da, es käme nur darauf an, sie auf das Rechte zu lenken.“

Der Wurzelgraber ging einsame Wege.