Aber der Herr hatte immer ein’s zu essen; für Zwei hätte es auch noch ausgelangt, aber der Mann schien ganz darauf zu vergessen. – Ja, vielleicht wenn jene Gärtnerstochter da gewesen wäre! Unmittelbar vor seiner Abreise aus der Stadt hatte er sie noch einmal gesehen: wie er aus dem Siechenhaus trat, trug man sie hinein. Der Freiherr hatte sie geschickt. –
So klein und niedlich das Häuschen des Doctors war und so viel Arbeit es gab im Garten, in der Studirstube, in der Apotheke, die sich der Doctor selbst eingerichtet hatte, so schlug die Schwarzwälderuhr an der Wand doch Stunden, in denen es ihn schmerzte, daß er allein war. Da ging er wohl oft, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer und dachte so nach über sich und über den Weltgang, und endlich ging er gar in das Stübchen seiner alten Haushälterin und sagte: „Hat die Barbara denn gar keine Arbeit für mich? Wenn nicht, so spiel’ mir die Barbara ein wenig was auf der Zither!“
Sie waren schon recht steif und ungelenk, die Finger der Alten, sie hatten schon viel gefaßt und gegraben im Leben, darum sagte Barbara auf des Doctors Bitte auch immer: „Mein’, das wird Euch aber gefallen, wenn ich klimpere! Lernt es doch selbst, Euere Finger sind noch gelenkig dazu.“
Und Doctor Preisheim lernte das Zitherspielen. Er spielte wohl die Lieder der Bauern, die Jodler und Almer, aber er spielte sie anders; er spielte schön, aber nicht ganz so lustig und frisch wie Andere im Dorfe, die es konnten. Es ließ sich bei seiner Zither nicht recht tanzen und aufjauchzen, man mußte zuhören, wie man dem Bachrauschen und dem Waldsäuseln zuhört, wenn man auf der Au ruht und träumt. Es war eigen beim Doctor, man sagte später, mit diesem Saitenspiel habe er Todtkranke kerngesund und Kerngesunde todtkrank gemacht. –
Das Schloß des Doctors lag nur wenige Stunden von Dernau im Orte Hochdorf. Der Mann ging öfters den Fahrweg, oder auch den Fußsteig durch den Wolfswald nach Hochdorf und sah das alte Mauerwerk von außen und von innen an. Außer dem Verwalter und einigen Dienstboten, welche die dazu gehörigen Felder bearbeiteten, wohnte Niemand im Schlosse. Düster und öde stand es da.
Der Doctor dachte oft nach, was damit anzufangen sei.
Ein Bauer wollte einen Theil des Gebäudes zu einer Heuscheune pachten, aber der Doctor war nicht damit einverstanden. Der Bauer sagte noch: „Nu, viel zu gut, mein’ ich, wär’ die Rumpelkammer just nicht dazu; es gehen ohnehin die Geister drin um!“
Und richtig, kaum ein Jahr vorüber war, gingen im alten Schlosse die Geister um – mitsammt den Leibern.
Sie waren dem Doctor auf seinen Wegen und Stegen nur zu oft begegnet mit ihren bleichen Gesichtern und hohlen Augen, zähnegeklappert hatten sie in kalten Wintertagen und an düsteren Abenden huschten sie um die Häuser herum und klopften an Thür und Fenster. Diesen Geistern hatte der Doctor das Schloß einrichten lassen, und das Schloß hieß nicht mehr Schloß, es hieß Armenhaus.