Von all’ den Bewohnern der wilden Oede war es seit jeher keinem bewußt geworden, daß sie mitten lebten in der Größe und Herrlichkeit der Natur, und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig meißelte. Sie hatten kein Auge für die wilde Erhabenheit ringsum. Nur zu dem Felshorn, das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen Leute zuweilen auf, aber auch nicht, weil dieser Thurm als Wall ihr Beschützer war, sondern einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn stellte nämlich in seiner Auszackung und Durchfurchung ein kolossales Bildniß vor, eine sitzende Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.
„Da ist Unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der Erden,“ so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felsthales, den auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.
Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der Felsthurm war die Himmelskönigin mit dem Scepter und der zackigen Krone; von der Tiefe aus gesehen saß sie auf dem Throne und hielt das Kind.
Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die Thalschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu dem sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit gestanden haben mochte.
Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und sich die Tafeln sanft zu röthen begannen, klang von dem Marienbilde ein Ton herab wie das ferne Läuten einer Glocke. „Die Himmelschöre singen Unserer lieben Frauen den englischen Gruß,“ sagten da die Hüttenbewohner, und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.
Der Ton kam von einer Spalte, welche zwischen dem Throne und dem Marienbilde klaffte und durch welche der Morgenwind blies. Das war nicht seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde gegangen im Felsenthale, sangen die Chöre.
Sollten aber nicht immerdar so singen und läuten. Da kam nun ein Sommer und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen der Aveglocke in ein tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen übergegangen war.
„Hans,“ sagte da die Hilda einmal, „die Engel läuten nimmer. Was ist Unserer lieben Frau angethan, daß sie so bitterlich thut weinen?“
„Wohl, das hab’ ich auch schon bedacht,“ antwortete der Hans, „ich hab’ herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl recht sündig, aber dasselb’ kann ich sagen, schlechter bin ich nicht, wie eh’ vor Zeit. Leicht hab’ ich mein Bübel zu gern und thu’ es in allzu großer Lieb’ verderben.“
„Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so thut weinen,“ meinte das Weib, „ich will neun Tag’ fasten und das Essen der blinden Bachwabi hinausschicken in das Waldland.“