Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater ausgesehen, hat sich verschlossen im Köhlerhause und hat geweint.

Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: „Hilda, ich habe mir gedacht, da Du jetzo keinen Vater mehr hast, so sollst Du einen Mann haben.“

Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren, der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust genoß.

Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok war ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er war blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen Händen. Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht reden. Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort „Hans“ konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er seit seinem ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres Vaters. Mit seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem Wildbache gefischt; mit seinem Bruder hatte er die letzte Thräne der in Armuth und Kümmerniß sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte des verscheidenden Vaters gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles und Einziges war, mußte der Jok unsagbar lieb haben, ihm nahm er im Tagwerke die schwersten Arbeiten unter der Hand weg; ihm schob er beim kaum erklecklichen Mahle, das sie gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes zu sich nahmen, die besten Bissen zu. Und als der Hans das Weibchen in’s Haus brachte, lächelte der Jok glückselig, und als der Jok das neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er vor Freude und haschte gleich mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen Wesen.

Das Aufrechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt, aber gern und behendig kletterte er mit allen Vieren wie die Ziegen und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für eine Schmeichelei, denn mit den Thieren hielt er’s immer gern. Aber dem Schründenhans that der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge und seine Faust: „Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?“

Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: „So Leut’ verstehen keinen Spaß.“

Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben Herrgott. „Vater unser,“ sagte der Hans, und legte seine rauhen, waldharzigen Hände recht innig zusammen, „nicht meinetwegen red’ ich, aber unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund, und daß es ein braver Mensch mag werden.“

Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: „Gegrüßt seist Du, Maria, und ein warm Pelzlein für den heurigen Winter thät mein Bübel wohl brauchen!“

Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddorf; er hütete daheim stets das Haus und die Ziegen, und kletterte an den Hängen hin auf allen Vieren, und pfiff wie die Gemse, und bellte wie das Reh.