Einst standen sechs Hütten in der Thalschlucht. Sie waren da seit undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Aeckerlein, die von den Vorfahren zwischen den grauen Felsblöcken und Schuttriesen waren ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den Matten des kleinen Thales Futter fanden.

Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es kamen andere.

Da war – so haben die ältesten Leute des Alpenthales erzählt – ein weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis in das schattige Thal. Die schneeweißen Haare dieses Mannes waren so lang gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Risse. Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber die Leute hatten ihn hell ausgelacht und übermüthig geschrieen: „Geh, Du alter Eisbär, wickle Dich in Deine Haare ein, so hast Du Dach und Fach wohl für jegliche Sturmnacht!“ – Darauf hatte der Kräuterer nichts entgegnet, sondern war wieder aufwärts gestiegen von Gestein zu Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war ein Berggeist gewesen, der die Menschen hatte prüfen wollen, und als darauf die Nacht gekommen war, da ist er wieder herabgefahren gegen das Thal und seine langen Haare haben Felsen gesprengt, haben mächtige Furchen und Schründe gerissen im Gebirg – und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet, und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Theil ist verschüttet worden mitsammt seinen Hütten und Bewohnern. – Und wie die übermüthigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so hat der Berggeist zuletzt sie allsammt ausgelacht. – So die Sage.

Eine wilde Natur-Revolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer lag nun im Thale und durch dasselbe hin wälzte sich der Gletscherbach, breit und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute ging da sein Bett, morgen dort, das ganze früher so bräutliche Thal gehörte dem Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt aufgebaut, blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch des Wachholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der Berggeist Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben und Eidechsen glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen schneeweiße Sandriesen und graue Schutthalden, in denen es allfort leise rieselte und rieselte. Wie viel tausend Jahre, bis das ganze, gewaltige Hochgefelse niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein, wer rechnet hier mit Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der Alpen nachbaut herauf aus dem Urgrunde der Erde!

Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen Erdgelände hinan, auf welchem Sträuche und verknorrte Fichten und Lärchen mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen Wildwachszunge, die einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von dem Thalsande des Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene Häuschen. Das allein war übrig geblieben von der kleinen Hüttengemeinde im Felsenthale, und das war die einzige und letzte Menschenwohnung weit und breit. Von zwei Wänden nieder lag und sickerte ein breiter, schwerer Schuttstrom; er würde längst niedergetost sein auf das arme Häuschen, wenn er nicht ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn aufgehalten und nach links und rechts seitwärts geleitet worden wäre, so daß auf dem Hange unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und die Hütte stehen konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in dem Steinstrome des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.

In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.

Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Köhlerdirn gewesen, deren Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und jämmerlich zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber alljährlich kaum mehr, als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet von den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein Weib und sein Kind das gut’ Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren durften. Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht gerieth er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Kohlenbrenner her, es entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die Felswand hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der unten in der Tiefe stand. Keinen Athemzug hat der Kohlenbrenner mehr gethan. Der Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen daheim sah allfort zum Fensterchen hinaus und wartete auf den Vater.

Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von der Geschichte und sollte der Waise die Nachricht überbringen.

Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. „Verlösche es nicht, Hilda,“ sagte der Hans, „es brennt auf der Welt sonst kein Licht für ihn.“