Das Felsenbildniß.

In einem kleinen Thale der Wildniß stand eine einzige Hütte verlassen und verloren. Die gewaltigen Hochwaldbäume, aus denen die Hütte gezimmert war, trugen zum Theil noch ihre Rinden, unter welchen behende Käfer und nagende Würmchen hausten. Aber das Holz war hart geworden; länger als vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte Gezimmer emporgesprossen war als junger, grünender, säuselnder, wohldufthauchender Wald. Das flache, steinbeschwerte Dach war vermoost, es wuchs ein hellgrüner Filz darüber, es wuchs Wildfarrn darauf und dort und da guckte ein Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt Samenkörnchen auf das Dach gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache verbleiben und gegen Himmel wachsen zu einem großen Baum.

Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück in den Schoß der Natur.

Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim genannt.

Ueber der sehr niedrigen Thür an der Wand war mit einer Kohle in einem dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war die ganze Sach’ anheimgestellt.

Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein Sonnenblick gefallen in dieses Thal, und wie der Morgen und der Abend auch glühen mochten oben an den luftigen Zinnen und Alpenhörnern, es war in dieser Tiefe nicht zu sehen.

Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.