„Jetzt,“ fuhr er endlich fort, „das muß schon ein flinkes Gemslein sein, will es die Spalte übersetzen.“

Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und hinaus zur Thüre gegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die Arbeit.


Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche; er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Thale. Im Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein, und wunderte sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein neues – und wo es denn herkommt, und wo es denn hingeht? Er lachte die Wellen aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in den blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Berghäuptern sehen konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: „Der Narr lacht und weiß es nicht, warum.“

„Wenn er nur lacht,“ antwortete der Hans, „der gescheidteste Mensch auf der Welt kann nichts Besseres thun als lachen.“

Freilich, der Hans selber lachte selten.

Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind um die Ecken der Hütte und er winselte an den Fensterchen; aber die Töne des Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren gefüllt mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden der Wände, und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren war. An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.

In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem Stübchen. Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.

Da lächelte das Kind zu den Worten; und schloß es die Aeuglein, so sah es selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an den goldenen Felswänden hin und her.