Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner Weise seine Freude und sein Leid, wie er’s empfinden konnte. Die Ziegen nahmen Theil an Allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und beleckten seinen Hals. Das that dem guten Burschen gar wohl.

Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen erwirthschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde ewig drohend schwebe über dem Scheitel seiner Familie.

Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und Schneewehen seinem Felsenthale zukämpfte, that er immer einen scheuen Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war es da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es nicht sehen, wie sich „Unsere liebe Frauen“ immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn neigte.

„Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie Du die ganze Woche in der Einschicht bist,“ sagte der Hans einmal.

„In der Einschicht bin ich nicht,“ versetzte das Weib, „ich hab’ das Kind, und der Jok thut uns hüten. Gieb Du nur Acht im Walde, daß Dich kein Baum mag letzen, und die Stege sind auch so vermorscht, gehst Du aus und ein in den Schluchten.“

„Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) über’s Jahr heb’ ich an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.“

Als ob er’s verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend, sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen – – – und leben bei den Leuten!

Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den Bergschluchten hervor kam der „Maibrunn“, wie die Schneewässer des Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem Schutt.

Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche ein Gemslein. Es war niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an einigen Fichtenreisern. Dann erhob es seinen Kopf, daß die krummen, scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen, und lugte herab auf das Hüttendach, unter welchem es die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihm schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, es wollte niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um das Thier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise heimgeholt hatte, und die Thiere mochten sich denken: der Jok da, der ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen Geschöpfen, die auf zwei Füßen gehen; der Jok, der thut uns nichts.