Drei Jahre nach dieser Begebenheit hat sich Folgendes zugetragen:
Kam an einem stillen, friedlichen Herbstabende der alte Kilian spät vom Walde heim in sein Haus, nahm sein Enkelein auf den Arm, herzte es, küßte es, sah es an und immer wieder an und hatte Wasser in den Augen. Von diesem Tage an war er ernst und in sich gekehrt, aber noch milder und gütiger gegen die Seinen als sonst.
So fragte ihn Agnes einmal, warum er nicht mehr so lustig sei wie sonst, ob ihm was fehle?
„Ich weiß mich gesund,“ sagte der Kilian, „aber einmal wird’s wohl auch für uns zum Urlaubnehmen sein.“
„Vater, wie kommt Ihr auf solche Gedanken?“
„Ich will Dir’s wohl sagen, Kind. Wie ich das letztemal oben an der Hubertskapelle vorbeigehe, denke ich, sollst einen Augenblick weilen und ein Vaterunser beten für Deine Verstorbenen. Und wie ich in der Kapelle niederkniee – es dunkelt schon, ’s ist recht still und ich bin der einzige Mensch weit und breit – und wie ich bete, da hebt auf einmal ganz von selber die Harfe an zu spielen. Sie spielt ganz voll, spielt auch mit den drei zerrissenen Saiten, spielt ein Lied, wie ich es meiner Tage nicht gehört hab’. – In Gottesnamen, denke ich, das ist mein Zeichen. Ich habe nämlich dazumal, wie wir die Harfnerin begraben, bei mir den Gedanken gehabt: Wenn ich mir für den Christendienst Eins könnte wünschen, so wäre es das, es möchte mir einige Zeit vor meinem Sterben eine Weisung zukommen, daß ich nicht so unverhofft fort müßte, wie die arme Frau. Das Zeichen habe ich vernommen. Jetzt, mein liebes Kind, weißt Du es.“
Darauf stand es noch an sechs Wochen lang, und der gute Mann war eingegangen in das Reich, wo die Seligen den Harfenklängen des gesalbten Sängers David lauschen.