So ging in der Küche alles stets friedlich ab, und die Mägde, die Frau Apollonia einmal aufgenommen, wurden alle bei ihr alt; keine wollte fort, außer wenn der Freier kam, und da gab es einen Kasten voll Flachs oder Leinwand als Heiratsgut.
Niemals kam jemand geradehin betteln zur Michelwirtin. Bisweilen wohl humpelte ein Armer zur niederen Küchentür herein, setzte sich im Winkel auf eine Bank und seufzte ein Erkleckliches. Nichts weiter. Dann kam die Wirtin und fragte nach dem Anliegen, teilte eine Gabe, und den Dankesworten winkte sie mit der Hand ab. Kein Mensch in Eustachen lobte die Frau Apollonia, im stillen geehrt war sie von allen. Es war auch schon selbstverständlich, wer ein Anliegen hat, der geht zur Frau Apollonia.
Manch einer oder eine ist freilich umsonst gegangen, und zu solchen redete sie: »Du lieber Mensch, du! Gern, daß ich dir was wollt geben, aber schau, du bist halt ein Lump. Wenn du brav wirst, nachher darfst schon kommen.« Und das sagte sie so freundlich und mütterlich, daß die Abgewiesenen schier wie geehrt davongingen und es weiter sagten, was die Michelwirtin für ein »gutes Leutel« ist. Manch einer kam später wieder mit der Nachricht, er glaube sich beim Lumpbleiben doch besser zu stehen als mit der Freundschaft der schweigsamen Michelwirtin.
Unter einer solchen Frau und Mutter war auch das einzige Kind aufgewachsen, die schlanke blonde Helenerl. An Gutmütigkeit und Schweigsamkeit war sie ihrer Mutter ganz ähnlich geworden. Ob der Mutter jedoch die Freudigkeit je einmal so aus den Augen gelacht hat wie dieser Tochter? Wo es lieblich und froh herging – war es im Garten bei dem gedeihenden Gemüse oder bei den still brennenden Blumen, oder im Hofe bei den regen Hühnern und Küchlein, oder bei den tollenden Nachbarskindern, oder war es bei harmlosen Sängern in der Gaststube – da war sie gern in der Nähe. Aber womöglich im Hinterhalte. Ausgeben mochte sie sich nicht, nur immer in sich aufnehmen, von den Blumen das Blühen, von der Sonne das stille Lachen, von den Kindern die unschuldige Lust. Es war, als ob sie aller Welt Frohheit in sich sauge und davon schon einen so großen Vorrat gesammelt habe, daß er einmal explodieren wird, wenn der rechte Zunder dazu kommt. Es gab freilich auch Meinungen darauf hin: Explodieren würde an diesem Mädel nie etwas, das werde, wie die Mutter ist, immer klug, gelassen und freundlich sein. Vielleicht als Zugabe ein bißchen schalkhafte Trutzigkeit vom Vater. So wie sie vom väterlichen Schwarzaug und vom mütterlichen Grauaug das schönste Blauaug erhalten hatte, so durfte man wohl auch in ihrer Seele die Sanftmut und Gleichmäßigkeit der Mutter, gleichwie künftig noch die überschwengliche Lustigkeit und die zeitweilige traumhafte Wehmut des Vaters zu finden hoffen.
Da zum Wirtshause auch eine größere Landwirtschaft gehörte, so gab es nebst der bewegsamen Kellnerin und dem derben Hausknecht auch noch Alt- und Jungknechte, Mägde und halbwüchsiges Volk. Das Gesinde hielt im nahen Wirtschaftsgebäude seine Ständigkeit.
Das waren nun die Hausgenossen Michels, des kleinen Wirtes mit den kurzen, stets emsigen Beinen, mit dem schwarzen langen Bart und den dunklen Augen, in denen immer Kohlenglut gloste, manchmal auch sprühte.
Zwischen dem Michel und seiner Frau schien eine Gegensätzlichkeit vorhanden zu sein, deren Tiefe nicht ergründet war. Da es nie einen Sturm gab, wie solcher auf seichten Gewässern leicht vorkommt, so riet man auf eine große Tiefe. Michels Abstand zu dem stillen, blühenden Töchterlein war gerade so groß, daß er sie mit einer Art frommen Wohlgefallens betrachten und mit einer zarten Verschämtheit anbeten konnte. Er ahnte es kaum, daß er sie anbetete, hatte es noch nicht einmal so weit gebracht, ihr offen zu sagen, wie sehr er sie lieb hatte. Zu jedem Gast konnte er »mein Lieber« sagen, zu der schönen Gastin erst recht »meine Liebe!«. Geschätzte und liebe Muhmen und Schwägerinnen hatte er eine Menge; aber eine »liebe Tochter«, ein »liebes Kind« gab es nicht, dafür hatte er sein Helenerl zu lieb.
Mit Frau Apollonia stand das insofern anders, als er sie in früheren Jahren wirklich etlichemale mit: »Ja, meine Liebe!« angesprochen hatte. Weil solches aber zumeist nur bei größeren Meinungsverschiedenheiten und in gereiztem Tone geschah, so kam der Ausdruck in eine zweifelhafte Stimmung. Und als sie mit der Zeit in allem ganz einig geworden, weil eins das andere hatte verstehen und behandeln gelernt, so ist das Wort »lieb« endlich gar nicht mehr ausgesprochen worden oder höchstens vielleicht in Augenblicken, da die Zunge nicht mehr weiß, was sie spricht und ihr Stammeln auch gleichgültig ist.
Die Ehegatten hatten übrigens ihr getrenntes Bereich auch in der Wirtschaft. Frau Apollonia kam gar selten aus ihrer Küche hervor. Er ließ sie im Haushalte gewähren und war froh, der Sorgen enthoben zu sein und sich seinen Gästen heiter oder auch ernsthaft widmen und sich seinen Liedern und Büchern hingeben zu können. Er hatte so seine Passionen, mit denen er der Frau Apollonia allerdings nicht kommen durfte: ihr war alles Nachdenken über Himmel und Erden zum mindesten unnütz, wenn nicht Frevel. Der Michel hingegen war manchmal wie eine Spinne, die ihre Fäden spinnt und wartet, wohin der Wind sie tragen wird; dorthin nahmen dann seine Gedanken ihren Weg, gleichgültig, ob in Höhen oder Tiefen, nur fort ins Ungemessene und Traumhafte.
Für solche Ausflüge in unbekannte Welten hatte er einen Freund, der ihn nicht ungern begleitete. Das war der Förster Paul Rufmann. Mitdenken und mitreden konnte zwar auch der nicht viel, um so erstaunter jedoch zuhören, wenn der Michel seinen jetzt tiefsinnigen, jetzt wieder krausen Gedanken freien Lauf ließ. Am besten verstanden diese Freunde sich – im Singen. Kamen sie im Wirtshause zusammen, so sangen sie ihre Volkslieder nach der Zither; kamen sie im Forsthause zusammen, so sangen sie nach der Laute, und waren sie im Walde selbander, so sangen sie ohne Begleitung – der Michel in Tenor, der Paul in Baß. Übermütige Gesänge aus dem Wald- und Almleben, aber auch uralte Weisen, in denen jauchzende Lust oder blutiges Leid oder inniges Gebet der Ahnen zu uns herüberhallen.