Die Frau Apollonia kam noch mit einem durch Schafhaut luftdicht verschlossenen Glastopf herein und fragte, ob etwa Honig gefällig sei? Der Fremde fand das prächtig. Milch und Honig? Das Land habe er schon lange gesucht.
Nachdem er geschmaust, kam er mit einer Frage vor. Was das zu bedeuten hätte in diesem Ort? Unterwegs, als er ans Dorf gekommen sei, habe er gesehen, wie man im Wäldchen junge Birken und Lärchen von der Wurzel gehauen habe, um sie dann längs der Straße an beiden Seiten in die Erde zu stecken. Es seien aber keine Kinder gewesen, die etwa im Spiele diese merkwürdige Allee gepflanzt hätten, sondern Erwachsene, alte, ernsthafte Männer darunter.
»Ah,« sagte der Wirt, »das ist wegen der Fronleichnamsprozession. Der Herr muß von weit kommen. Morgen ist ja Fronleichnamstag und da schmückt man die Gassen, wo die Prozession geht, mit solchen Bäumlingen. Bald werden sie auch da vor mein Haus kommen mit ihren Steckstangen, die Bäumelsetzer. Da draußen auf dem Anger wird sogar ein Altar aufgerichtet, fürs zweite Evangelium. In Eustachen geht es immer feierlich her dabei. Weil wir alle drei Jahre nur einmal Fronleichnam haben. In den anderen Jahren ist die Prozession unten in Ruppersbach, wo der Herr eh vorbeigekommen sein wird. Wir Eustacher haben halt keine Kirchen, nur eine Kapellen da unten auf dem Platz; dort wird morgen das Amt gehalten und von dort geht der Umzug aus.«
Indes schien der Fremde sich weniger für die Fronleichnamsprozession zu interessieren als für die hingeschlachteten Jungbäume.
»Habt ihr denn keinen Förster im Land?« fragte er.
»Ihrer nit viele, aber auch nit schlechte,« antwortete der Wirt.
»Und was sagen sie zu dieser grauenhaften Waldverwüstung?« rief der Fremde aus.
Wendete sich der Rufmann, sein langes Pfeifenrohr auf den Tisch legend, so halbwegs gegen ihn und sprach lässigerweise, als ob es ihm nicht eigentlich dafürstünde, da mitzureden: »Der Förster wird wahrscheinlich sagen, daß es für den Jungwald ganz vorteilhaft ist, wenn bisweilen geplendert wird. Sonst erstickt ein Jungling den andern. Bei dem Lärchenanwuchs kommt höchstens der Zehnte auf, alle anderen werden an sich hin, wenn man sie nicht herausnimmt. Hat der Herr nicht selber den Hut voller Blumen, toter, statt lebendiger! Na ja, die Wiese hat ihrer noch genug. Und die Birken sind erst recht nicht umzubringen; da kann man alle Jahre lichten. Jawohl, die Bäume langen bei uns just noch aus, daß man ihrer etliche auch zur Ehre Gottes verwenden mag.«
»Sagen Sie mir einmal, lieber Herr,« sprach darauf der Fremde, »was denken Sie, wird euer Herrgott die lebendigen Bäume nicht lieber haben als die Baumleichen an der Straße, die morgen schon welk ihre Zweige hängen lassen?«
Der Ausdruck »euer Herrgott« rauchte dem Förster in die Nase. »Mein Herr,« sagte er, »wenn Sie einen anderen Herrgott haben, so kümmern Sie sich um den und lassen den unseren in Ruh!« Bald hernach stand er auf, reichte dem Michelwirt die Rechte und ging heim ins Forsthaus.