Einen Glauben hätten doch auch die Protestanten, meinte der Förster.

»Aber einen falschen. Einen, der keiner ist. Nicht, weil sie was Unrichtiges glauben, sondern weil sie gar nichts glauben. Sie tun nur so. Erst werfen sie ein Stück Glauben weg, wie man den Überrock abtut, wenn’s warm ist; dann werfen sie den Unterrock ab, dann die Weste und so fort, bis sie nackend dastehen. Dann sagen sie: Da schaut her, das ist die Wahrheit.«

Da erinnerte der Vater: »Der Glaube ist kein Gewand, der Glaube ist inwendig. Wer einen Glauben hat, den man ausziehen kann, der soll ihn nur gleich ausziehen; es ist ehrlicher, wenn er ihn auszieht, als wenn er ihn anbehält.«

Diese Bemerkung des Vaters gab dem Jungen die ganze Nacht zu schaffen. War ihm doch selber schon zumute gewesen, man könnte ihm seinen Glauben vom Leibe reißen wie einen Rock. Wenn das möglich ist, dann kann’s ja der rechte Glaube nicht sein, dann ist es ehrlich, ihn auszuziehen. Der rechte Glaube ist inwendig. – Und jetzt kam es ihm vor, als wenn er zweierlei Glauben hätte, einen inwendigen, der angeboren ist, und einen auswendigen, der angelernt wurde. Und der Fremde, hat er nicht an dem auswendigen gezerrt, der ohnehin schon ein paarmal vom Leibe fallen wollte? – Den inwendigen Glauben mit seinem Gewissen aber fühlte er in diesen Stunden sehr lebhaft. Denn dieser fragte ihn hart: Hast du dem Böhme nicht unrecht getan? Wie kannst du sagen, morgen würde er auch nicht mehr an Gott glauben? Wer kann, wer darf denn so reden, wer kann es entscheiden? Unser Pfarrer hat einmal gesagt, daß auch der Irrlehrer ein gutes Werk tut, wenn er nur glaubt, die Wahrheit zu lehren, weil alles auf den guten Willen ankommt.

So setzte sich Elias ins Unrecht, leistete dem Fremden im Geiste Abbitte und betete gleichzeitig zu unserer lieben Frau, sie möchte machen, daß dieser Mensch aus der Gegend fortkomme, besser heute als morgen. »Sonst muß ich fort, du liebe Jungfrau Maria, daß ich meinen heiligen Glauben vor ihm mag retten.«

An einem der nächsten Tage begegnete der Student auf dem Talsträßlein dem Pfarrer von Ruppersbach, der von einem Krankenbesuch zurückkehrte.

»Ja, Elias, was ist’s denn mit uns zweien?« fragte der Pfarrer freundlich.

Hierin empfand der Junge gleich einen Vorwurf. Er hatte schon lange nicht mehr vorgesprochen bei seinem Gönner, durch dessen Vermittlung er ins Seminar gekommen war. Die Unsicherheit mit sich selber! Solange er da nicht im Reinen war, mochte er dem Herrn nicht gern vor die Augen treten. Und jetzt stand er auf einmal vor ihm.

Dem Pfarrer mußte jemand geplaudert haben, denn geradehin fragte er: »Sage mir einmal, Elias, kennst du den Fremden, der sich jetzt in Eustachen aufhält? Jakob Böhme oder wie er heißt.«

»Nathan Böhme heißt er.«