Dort steht der alte Ahornbaum mit der wüsten Scharte, wo der Ast niedergebrochen war. Er hatte an demselben einmal hinaufsteigen wollen, um den Bienenschwarm abzufangen. Der Rufmann hatte ihn gewarnt und gehütet …

– Trinken. Sie sollen trinken, drinnen in der Stube, so viel sie mögen, ’s hat wohl jeder seinen Dorn im Fleisch. Ohne Trinken wär’s nit auszuhalten. In einem alten Schulbüchel ist’s, da kommt gleich nach Kain und Abel der Noah mit der Traube.

So hatte der Michel sein Glas Wein vor sich stehen. Und dann lohte leicht und warm die Freude auf. Der Greis soll ruhen, die Jünglinge sollen leben. Ihre Weltlust ist jetzt seine Weltlust geworden. In ihnen lebt der alte Freund wieder auf und dankt mir, daß es so gewendet worden. Und an den Söhnen kann ich meinem Paul mehr Liebes erweisen, als es an ihm selber möglich gewesen wäre. Und mein Haus, es ist ja nicht arm. Hat es für Elias gleichwohl die Hilfe, seine Studien zu vollenden und den immerwährenden Heimgang; für den Friedl hat es mehr …

So lieblich blühte der Wein. Aber das ging allemal sachte in eine andere Stimmung über, in eine abgrundtiefe Elendigkeit. Da knirschte er mit klappernden Zähnen, daß der Wein das allerabscheulichste Gift sei, so furchtbar grausam schon deshalb, weil es nicht sterben läßt. Das Leben verelendet und doch nicht sterben läßt! Alle Lebensgeister verekelt und betäubt er, bis auf den einen, der zuruft ohne Unterlaß: du bist eine treulose Kreatur!

Zu anderen Stunden fand er freilich wieder den kümmerlichen Halt in dem Gedanken: Was man aus Nächstenliebe tut, das wird ja doch – wie es immer heißt – eine gute Tat sein, und selbst wenn’s ein Irrtum wäre. Eine Einbildung, daß die Söhne Raubmörder sind, hat die Tauernach ausgelöscht. Auch wenn sie es wirklich wären gewesen. Oder können sie’s nicht noch werden? Wer kann denn wissen, was hölltiefer Jammer einem Menschen bevorstehen kann. Das ist alles ausgelöscht beim Rufmann – er hat nix mehr zu fürchten und zu leiden. Wer hat ihn denn erlöst? – Ich? Wieso? Doch er sich selbst. Was gräm ich mich denn ab? Ich habe ja nichts getan! –

In ähnlicher Weise rang der arme Mensch mit seinem Leide, mit seinem Gewissen, und sachte erlahmte die Seele.

Zum Forsthause wollte er jetzt hinauf, um zu sehen, was es zunächst für ihn zu tun gab. Da kam der Brief.

»Lieber Michel Schwarzaug!

Nach dem, was sich ereignet hat, und es besser ist, daß wir uns nicht mehr sehen, so schreibe ich im Namen meines Bruders und in meinem eigenen diesen Brief.

Wir verließen gestern unsere Heimat, und zwar unauffällig bei der Nacht, weil wir allen, die unseretwegen sich etwa einen Vorwurf machen müssen, noch unseren letzten Anblick ersparen, und wir auch selber niemand sehen wollen. Ins Forsthaus zieht demnächst der neue Förster ein. Die Rosalia Terler wird unsere Sachen, die wir nicht mitnehmen können, in Obhut nehmen, bis sie versteigert werden, und haben wir gleichzeitig alles Amtliche dem Ortsvorsteher aufgetragen.