Warum wir gehen, das brauche ich wohl nicht zu sagen. Die Erfahrungen, die wir in unserer größten Not hier haben machen müssen. Wir müssen uns halt denken, sie sind von Gott geschickt, wollen niemand dafür verantwortlich halten. Müssen auch manchen werten Bekannten zurücklassen, aber das Verbleiben in Eustachen wäre gegen unsere Natur. Wo so etwas geschehen, das kann nimmer unsere Heimat sein.
Mein Bruder Fridolin will ganz auswandern, wahrscheinlich in einen anderen Weltteil. Wie er arbeiten kann, da wird er leicht weiterkommen. Ich kehre auch nicht mehr ins Seminar zurück, etwa daß ich in einem Kloster meine weitere geistliche Ausbildung suche. Vielleicht entschließe ich mich zu etwas anderem, jetzt ist mein Verlangen: Nur recht weit fort.
Dir, lieber Michel Schwarzaug, danken wir für manches Gute, besonders was Du unserem seligen Vater erwiesen hast. Wir wissen, daß Du dich kränkst um ihn, und wahrscheinlich wegen seiner letzten Stunde. Laß das sein, das hilft jetzt nichts mehr. Die Schuld habe ich auf mich zu nehmen. Hätte ich nicht eine Untat gelogen, die ich nicht begangen habe und nie begehen kann, so würde man uns kaum fortgeführt, sicher aber nicht als des Verbrechens überwiesen betrachtet haben. Daß ich freilich meine Ursache gehabt habe, würdest Du nicht glauben können. Mein ganzes Leben soll ein Büßen sein, dem Gedächtnisse meines Vaters und seiner armen Seele aufgeopfert. Für mich verlange ich nichts mehr und mein Bruder wird sich durchschlagen. Um was wir Dich noch ersuchen möchten; laß es sein, nach uns zu forschen – es ist so am besten. Wir wünschen Dir und den Deinigen viel Glück und Segen.
Elias Rufmann.
Ich verabschiede mich noch besonders von Dir, als meinem christlichen Taufpaten. Gott der Herr wird alles vergelten.«
Ja, so lautete der harte Brief, den man heute noch lesen kann im Straßenwirtshaus zu Eustachen. Der Schreiber, der ihn wohl in christlicher Milde und Verzeihung verfaßt zu haben glaubte, hatte keine Ahnung, wie dieses kalte Eisen in das kranke Herz des Empfängers drang.
Er las zwischen den Zeilen dieses Briefes, daß seine Sünde keine Verzeihung findet. O, wäre der Brief in Leidenschaft und Zorn geschrieben worden und hätte geflucht und gewettert, so wehe hätte er nicht getan als diese tote Höflichkeit. Seine Sünde findet kein Verzeihen. Sie wollen nichts mehr von ihm. Sie wollen ihn gar nicht mehr sehen. Jawohl, »Gott der Herr wird alles vergelten!« Das soll wohl heißen: bestrafen! – Aber Michelwirt, was kränkest du dich denn so sehr? Es ist ja alles nur Einbildung. Dem Rufmann hast du gesagt, daß man die Einbildung, wenn sie weh tut, auslöschen könne. Michel, lösche sie jetzt in dir selbst …
»Mariedl! Ein Glas Wein. Vom starken!«
– – Also abgelehnt!
Abgelehnt von diesen Knaben, die er schon zu seiner Familie getan, derer wegen er auf seine eigenen Angehörigen beinahe vergessen konnte. Abgelehnt von diesen Jungen, an denen er seinen verhängnisvollen Irrtum sühnen und sich erlösen wollte. Von diesen armen Jungen, die Liebe und Vertrauen zur Heimat verloren haben und nun in der weiten, stockfremden Welt ihr Glück suchen wollen – die einfältigen, unerfahrenen Kinder!