In seiner inneren Wirrnis versuchte er es einmal mit der Zither. In früheren Tagen hatte ihr Klang manche Herbnis sanft ausgelöst. Jetzt griff er wieder in die Saiten. Sie klangen nicht, sie schrillten, sie taten dem Ohre weh und dem Herzen noch weher. Er nahm den Drehschlüssel und suchte zu stimmen, da tat die Saite einen schneidenden Schrei und – war gesprungen. Das Instrument mit dem gerissenen Strang, er hing es wieder an den Nagel. Es war alles aus.

Sein Weg – noch einmal zum Forsthaus. Da war alles darunter und darüber gekehrt. Die Sali hatte Möbel und Geräte gescheuert und nun standen und lagen diese auf dem Anger herum, daß sie trockneten. Es waren, im Sonnenlicht besehen, recht ärmliche Sachen. Er ging ins Haus. Die Schritte hallten laut in den leeren Stuben. An der Wand waren noch die Heiligenbilder und die rote Ampel stand vor der Muttergottes. Daneben hing die Laute. Rufmanns alte Laute, mit der er so oft den Gesang begleitet hatte.

Die Sali kam herbei und begrüßte ihn mit den Worten: »Gelt, wollens halt auch einmal sehen, wie’s ausschaut, das zugrunde gerichtete Forsthaus!«

Er hatte für diesen Ton keine Empfindungen mehr. Von den Buben nirgends eine Spur. Er hatte sich vorgenommen, zu versuchen, ob nicht von der Alten manches über sie zu erfahren wäre. Das ließ er sein, fragte nur eins. Ob die Laute zu haben wäre? Er möchte sie gerne kaufen. Zu einem Andenken.

Darauf die Alte kurz und scharf: »Ich geb nix her! Darf nix hergeben! Was mir anvertraut ist, das ist mir anvertraut!«

Mit dieser verspäteten Lehre konnte er wieder gehen. Und er ging. –

Es kamen nun die Tage, da er in der Gegend umherstrich, wie ein Mensch, der etwas sucht. Der es endlich findet und traurig betrachtet und wieder wegwirft, weil es doch nicht das Rechte ist. An Waldplätzen, wo er je mit dem Freunde zusammengewesen war, geplaudert oder gesungen hatte. Und suchte in dunkelnder Erinnerung nach Gesprächen, die er mit Rufmann geführt, nach Aussprüchen, die er getan und vor allem nach den Liedern, die sie gesungen hatten. Von manchem Liede fiel ihm der Text ein, aber nicht die Melodie. Und der Text ohne Melodie ist ein dürrer Stab, an dem die blühenden Ranken fehlen. Und wenn er auch bisweilen einzelne Töne fand, so waren es abgefallene Blätter einer Rose, sie hatten keinen Schmelz und keinen Duft. Und wenn er von anderen singen hörte, so war es Lärm und kein Gesang. Da wollte sein sangesdurstiges Herz verschmachten. Selbst die Waldvögel, sie sangen nicht, zwitscherten oder kreischten nur, seit der Förster dahin war. Und die alten Bäume, die stahlhart und rein geklungen hatten, so man mit der Axt an den Stamm schlug – sie tönten dumpf und morschig. Wenn er von solch traurigen Gängen nach Hause kam, murmelte er: »Komm Rufmann!« und trank Wein.

Dann wieder sah man den Michel an den Ufern der Wässer. Er saß an der Tauernach und schaute in die raschen Wellen, er saß an der Mur und schaute in das stille, langsame Wogen hinein. Schier klang ihm das Wasser holder als alle Lust in Kehle und Saitenspiel. Und ist ihm eingefallen: Der Rufmann drüben, der wird sich ja langweilen, wenn er keinen hat zum Singen. Da sollt man ihm doch Gesellschaft leisten gehen …

Öfter als einmal ging Frau Apollonia aus, um ihn zu suchen, und fand ihn an einer Felswand oder an einer Hecke oder am Wasser. Er ließ sich wecken aus seinen Träumen und ging mit ihr heim. Und die Helenerl! Was hat das Mädel heimlich sich gegrämt! Da ward es endlich doch zu hart, alles so allein zu tragen, und sie blieb auf der Gasse ein wenig stehen, wenn Sepp, der ältere Gerhaltsohn, vorüberkam und freundlich fragte, wie es ihr gehe? Dem sagte sie von ihrem Leid ein weniges heraus und ging wieder ihres stillen Weges.

Den Vater aber, den ließ es nimmer bleiben in der Enge des Hauses bei lärmenden Zechern; er ging immer wieder fort. Man sah ihn stehen am Waldrain, wo der Weg gegen das Forsthaus führt. Man sah ihn sitzen am Wasser, mit einer Angelstange. In Ruhe und Geduld hielt er sie hinaus, und manchmal zuckte er damit auf. Zumeist war nichts an der Angel, da wunderte er sich. Manchmal war ein Fisch daran, da wunderte er sich auch und tat den Fisch wieder hinein.