»Ja, da wirst freilich noch eine Zeitlang warten müssen.«

»Lang oder nit lang. Ich warte halt. Jetzt, weil ich wieder gesund bin worden, wart ich auch hundert Jahr. Die Zeit vergeht – der Mensch nit.«

Der Arzt in Ruppersbach hatte gesagt, man könne ihn unbesorgt gewähren lassen. Wer, wie der Michel, warten wolle, bei dem sei nichts zu fürchten. Es stehe so, daß man ihm nichts mehr versagen solle.

Und wie sein Dämon Wirklichkeit und Traum so seltsamlich verwechselt und endlich ihm den langersehnten glückseligen Tag nicht versagt hat, das erzählt der nächste Bericht.

Der glückselige Tag

An einem schwülen Tage war vom Hochgebirge ein Sturm niedergebrochen. Der hatte Dächer abgedeckt im Dorfe Eustachen und Bäume entwurzelt. Im Lärchenwäldchen am Flusse lagen fast ebensoviele Bäume hingestreckt, als noch standen. Dann krachten in den Lüften die wilden Feuer. Dann hagelte und goß es nieder, daß über Straßen und Felder die braunen Bäche rannen und förmlich den Hagel zu Eismoränen zusammenschwemmten. Als es vorbei war, strich eine frostige Luft. – Und war der Michelwirt nicht nach Hause gekommen!

Bald war das Dorf auf, ihn zu suchen, und voran durch und über die Wüstenei hin das schlanke Mädchen mit dem Blondhaar, an dem die gebrochenen Äste sie zurückhalten wollten. Da kam er ihr entgegen, vom Flusse her, mit weiten Schritten in den Tümpeln watend, die gehobenen Arme in die Luft auswerfend und laut lachend.

»Weißt es schon, Helenerl!« rief er seiner Tochter entgegen, »weißt es denn noch nit? Sie kommen! Sie fahren schon herauf. Daß ich geschwind muß herrichten gehen für morgen. Er kommt auch! Alle kommen! Bist wohl auch du fertig mit dem weißen Gewand?«

So kam er nach Hause, bis auf die Haut durchnäßt, an allen Gliedern zitternd, aber mit glückselig leuchtenden Augen. Sogleich wollte er nach Ruppersbach zum Pfarrer schicken. Der Rufmann und der Bräutigam seien wohl schon gut untergebracht, aber für den geistlichen Herrn ließe er bitten um ein Zimmer. Das Weitere sei in Ordnung. Sonst allerlei Geschäftiges hatte er vor, wurde aber ins Bett gebracht. Doch während Helenerl den Jungknecht suchte, daß er um den Arzt eile und Frau Apollonia in der Küche den heißen Tee machte, stand der Michel wieder auf, holte aus dem Keller eine Flasche Rotwein mit zwei Trinkgläsern, tischte alles emsig und schön auf das Zimmertischchen, schenkte die beiden Gläser voll und stieß an: »Leben sollst, Paul! Hoch sollst du leben!«

Und war doch niemand im Zimmer als er allein.