»Ins Bett, Michel!« rief sie erregt.

»Ins Bett, ins Bett, hast recht, Frau. Morgen heißt’s früh auf. Seid ihr beisamm mit allem? Hast im Gartenzimmer die Betten machen lassen? Hat der Poldl schon die Tisch aufgeschlagen? Die Menge Leut! Hörst die Wägen vorfahren? Und alleweil noch kommens. Die Helenerl soll noch zu mir, eh sie heut schlafen geht. Morgen um die Stund ist sie nimmer unser. Geh her, Apollonia! mußt nit weinen. Glücklich werden die zwei miteinand. Geh her zu mir! Wir zwei alten Leut, wir! Geh, gib mir auch wieder einmal einen Schmatz! Wir sein zusammen verbunden. Glückselig sein die Stunden …«

So redete er lebhaft und hastig, in heller Glut, wie seine Augen brannten auch seine Wangen.

Freilich gab sie ihm einen Kuß und hat vor Traurigkeit sich kaum können fassen, während er in voller Glückseligkeit war und in voller Glückseligkeit einschlief.

Es war ein ununterbrochener Schlaf, die ganze Nacht, und doch ein unruhiger. Er führte Gespräche, er sang. Und dann murmelte er Gebete. Hernach wurde es so still um ihn, in ihm, daß Frau Apollonia angstvoll nach dem Atem horchte. Der Arzt hatte Anordnungen getroffen und war wieder fortgegangen. Frau und Tochter waren die ganze Nacht am Bette gesessen und hatten kein Auge gewendet von seinem Gesicht, über das abwechselnd rosige und blasse Schatten glitten. Die Nacht war lang, es wollte nicht tagen. Und als er aufging, war es ein trüber, schwerbewölkter Tag.

Der Michel erwachte. Seine Wangen waren ganz entglutet. Aber brennend heiß seine Hand, die in der seiner Frau ruhte. Das Auge war beim Erwachen ruhig und sanft gewesen wie eine friedliche Nacht. Plötzlich aber leuchtete in demselben ein so unheimlicher Glanz, daß Frau Apollonia vor Schreck fast erstarrte.

»Wer ist denn das?« fragte er mit ungelenker Zunge, denn er hatte seine Tochter bemerkt, die neben dem Bette stand. »Das ist die Helenerl?!« Ein schönes Lächeln spielte um seine erstarrenden Züge. »Bei der Häuslichkeit schon? Du fleißige Braut!« – Und redete weiter, stoßweise, einmal hastig, einmal langsam. Es war teils ein murmelndes Sagen und teils ein lallendes Singen. – »Der Friedl, der schlaft wohl noch – wie? Na, na, seid nur recht glücklich. Daß ich ihn hab’ mögen derleben, diesen Tag! – Mein Herz hat sich gesellet zu einem Blümlein zart – Das kann keiner so singen, wie der Rufmann – Vater muß man jetzt sagen. Keiner so. Wenn er schon wach ist, er soll kommen. Soll eilends kommen. Den geistlichen Herrn mitbringen, den Elias. – Kennst ihn, Helenerl? Der hat das gülden Ringlein an eure Händ gesteckt – Der hat das güldne Kettlein um euer Herz gelegt … Glückselig sein die Stunden, wo wir beisammen sein. – Gelt, Paul! Bist da, Paul? Gelt, der glückselige Tag! – – Aber müd. Auch die Freud macht müd …«

Er atmete schwer.

Frau Apollonia schob ihm das Kopfkissen zurecht. »Müd, lieber Mann, ich glaub dir’s. Willst nit wieder schlafen?«

Da richtete er rasch seinen Oberkörper auf und sprach in hastigen Stößen die Worte: »Schlafen nit! Schlafen nit! – Ich bitt euch. Nit schlafen lassen! Aufwecken!«