»Nelson, Neuseeland
Cook-Street 93 Cy XI.
Liebe Helene!
Du wirst Dich staunen über diesen Schreibebrief aus dem Land, wo die Gegenfüßler sind. Bin jetzt auch so ein Gegenfüßler geworden und wenn ich mit dem Fuß auf den Boden stampfe, so habt ihr dort drüben Erdbeben. Wie ich da hergekommen bin, das will ich Dir lieber mündlich sagen, bis Du’s auch probiert hast. Bissel weiter, wie nach Löwenburg ist es schon. Gehen tut’s mir sehr gut, bin am Seehafen ein Arbeiter. Aber dahier, meine Liebe, heißt Arbeiter sein ein bissel was anders als in Europa. Ich logiere in drei schönen Zimmern und esse täglich mein Beefsteak. Verdienen tu ich mir in der Woche 8 bis 10 Pfund Sterling, das ist in eurem Geld so viel wie 200 Kronen. Mit dem besten Willen kann ich’s nit verjuxen. Ja, ich werde am End noch so ordentlich und brav wie die Eustacher. Hier ist alles englisch, auch Deutsche sind viele da, die Werft, wo ich bin, gehört einem Hamburger. Neuseeland, was jetzt meine Heimat ist, hat hohe Berge, zweimal so hoch wie eure Tauern. Und Urwald. Da sieht man erst, was Wald heißt. Nach Europa verlangt’s mich nicht mehr, aber eine von dort möcht ich dahaben, wenn sie mich nicht vergessen hätte. Liebe Helene, Du hast mir immer gefallen, und hast Lust meine Frau zu werden, so komm her. Eustachen ist eh nix for Dich. Dein Vater, meinetwegen, soll Dich begleiten bis Triest, wo ich Dich erwarten will. Weiter entgegengehen mag ich nicht, indem was wir in Eustachen erlebt haben. Mein Bruder, der Elias, ist im Gymnasium einer norddeutschen Stadt, heißt Köln am Rhein. Vielleicht kommt er auch einmal nach Neuseeland, für Heidenapostel gibt’s hier zu tun genug. Aber ich sag, er soll lieber ein Arbeitsmensch werden und die Leut glauben lassen, was sie wollen. Wir haben auch noch Kannibalen auf Lager, aber anstatt daß sie uns auffressen, machen wir’s umgekehrt. Wegen warum ich mich bei Dir im vorigen Jahr nicht verabschiedet hab, kannst Dir denken. Macht ja nix, wenn wir eh wieder zusammenkommen. Ich hoffe von Dir eine recht baldige Antwort, so oder so. Die Adresse an mich schreibe genau, wie sie am Anfang von diesem Brief steht, aber Lateinschrift, die andere kann da kein Mensch lesen. Bist überhaupt’s einverstanden, was ich erst einmal wissen will, nachher können die weiteren diplomatischen Verhandlungen beginnen. Gereuen wird’s Dich nicht. Mit schönem Gruß
Fridolin Rufmann,
Werft-Mister.«
Auf diesen Brief war die Antwort so leicht, daß Helene nicht einen Augenblick nachzusinnen brauchte. Sofort setzte sie sich hin und schrieb:
»Lieber Herr Fridolin Rufmann!
Daraufhin in welcher Art Sie uns verlassen haben, hätte ich einen solchen Brief von Ihnen wohl nicht erwartet. Mich freut es, daß Sie so starkmütig geworden, aber mir scheint, Sie sind gar zu stolz auf das geschehene Unrecht, wo doch auch andere hart haben leiden müssen. Für die Ehr bedank ich mich recht schön, ist aber zu spät und mein Vater könnte mich auch nicht bis Triest begleiten, er ist seit Herbst des vorigen Jahres tot.
Es wünscht Ihnen alles Gute Ihre Gegenfüßlerin
Helene Gerhalt geb. Schwarzaug.«
Seit diesen Ereignissen sind Jahre verflossen. Und weil nun die Geschichte zu Ende geht, so wollen wir den Abschiedsbesuch machen bei unseren Bekannten in Eustachen.