Gegen Mitternacht, als er buchstäblich in Schweiß gebadet war, versorgte sie ihn mit frischer, durchwärmter Wäsche, trug dem Friedl auf, alle halbe Stunden nachzusehen, ob der Bruder gut zugedeckt sei, fühlte ihm noch den Puls, ob nicht doch das Fieber da wäre, zog dann mit dem rechten Daumen über sein Gesicht ein Kreuz, und endlich ging sie beruhigt in ihre Kammer.
Am nächsten Morgen war der Student frisch und munter. Die Sali sprach nichts mehr von der Sache, gehabte sich aber den ganzen Tag in jener getragenen Stimmung, die der Mensch nach einer großen Tat empfindet. Sie hatte ja dem lieben »Geistlerbuben« das Leben gerettet!
Der Schligerwitz, der Schligerwitz, der ist ein guter Spatzenschütz!
Seit dem Rodeln und dem bedenklichen Schneeballen auf der Siebentaler-Leiten waren kaum drei Tage vergangen, als der Försterfriedl fand: »A Hetz ist’s g’west!« Den Eustacher Kameraden ließ er durch einen Baumrindenführer kund und zu wissen tun, sie sollten am Palmsonntag in die Bärenstuben hinaufkommen zu einem ordentlichen Schneeballwälzen.
Drei Büchsenschuß weit hinter dem Forsthause, beim sogenannten Hals, wo das Tal sich engt und die Tauernach, neben ihr das Sträßlein sich windet, zweigt rechter Hand ein Graben ab. Ein steiniger Weg, der sich immer mit einem ungebärdigen Bächlein verflicht, führt hinein zu einem Talkessel. An den Lehnen Wald; Holzschläge und, steile Matten. Der Talboden ist eine Schutt- und Sandhalde, auf deren geschützteren Stellen Erlengebüsch wuchert. An die Berglehne gebaut ist eine ganze Stadt von Scheiterstößen, und davor eine Köhlerei mit rauchenden Meilern. Dieser hochgelegene Talkessel heißt die Bärenstuben. Von Zeit zu Zeit geht das Gerede um, daß dort in unzugänglichen Höhlen noch Bären hausen, die in die Ziegenherde der Holzknechte brächen und sogar die Almkühe nicht verschonten. Es heißt, man finde wirklich bisweilen zerrissene Körperteile einer Ziege oder eines anderen Tieres; den Bär will auch mancher gesehen haben. Wenn der Förster der Sache aber näher auf den Grund geht, verflüchtigt sich alles und bleibt nichts zurück als die Bärenstuben mit den Holzknechten und dem Krauthasen.
Der Krauthas, das ist der Kohlenbrenner, den wir schon einen Augenblick gesehen haben, und zwar bei jenem Faschingbegraben mit der Siebenschellenkappe, dererwegen die Leut ihn mit dem Rufe »Schellsiebener« gefeiert haben. Eine größere Ehre ist diesem Manne sein Lebtag nie widerfahren.
In den Gruben und schattigen Mulden waren zurzeit noch Schneeaugen. Die Berghänge im Hintergrunde des Kessels blinkten in der Sonne blendend weiß, als ob dort der Schnee überglast wäre.
An der Köhlerei war es, wo die Burschen zusammenkamen. Der Friedl wußte in diesen Gegenden Bescheid. Da mußte er sich die Woche über plagen im Holzschlag, da durfte es Sonntag wohl einmal auch eine Lustbarkeit setzen. Elias war nicht mitgekommen. Er habe an dem Schneeballen auf der Siebentaler-Leiten gerade genug gehabt.
Den Krauthasen fanden sie hoch auf einem der runden, rauchenden Meiler stehen und mit einer Krücke die Lösche festpracken an Stellen, wo Feuer zum Vorschein kommen wollte. Der Köhler, ein schlanker, hagerer Mann, war über und über schwarz. Die schlotternde Zwilchhose, mit einem Strick festgebunden, war einmal grau gewesen. Die gestrickte Wollenjacke des Oberkörpers war einmal rot gewesen. Die Tuchmütze auf dem Kopfe war einmal blau gewesen. Jetzt alles schwarz. Im verrußten Gesichte das Weiß und die roten Ränder der Augen, da guckte aus dem Teufel der Mensch hervor.
»Krauthas, steig herab und gib uns ein Schligerwitz!« rief der Friedl dem Köhler zu.