Darauf hin war ich nun doch begierig, wie sich bei der heutigen Predigt der Kurat aus der Schlinge ziehen würde.
Er steht auf der Kanzel, liest die Verse und wie er zum Schlusse derselben das Buch küßt, sagend: „Das die Worte des heutigen Evangeliums!“ sehe ich meinen Adam auf seinem Platze schon unruhig werden.
Der Kurat nimmt langsam eine Prise, stellt die Horndose neben auf den Kanzeltisch, schiebt die weiten Ärmeln des Chorrockes zurück und beginnt:
„Liebe Christen!
Im heutigen Evangelium hätte der Evangelist Lukas auch ein bissel deutlicher sein können. Wie er’s gemacht hat, da kommts schier so heraus, als ob Christus der Herr den ungerechten Haushalter loben thät, von wegen der Lumperei! Das thät einigen unter euch vielleicht gefallen — wie? Es ist aber durchaus nicht so. Christus will in seiner Parabel nur ein Beispiel geben, wie die Weltleute allemal abgefeimte Spitzbuben sind, und die Kinder Gottes sind einfältig. Wenn der Herr sagt, daß wir uns mit ungerechtem Reichthum Freunde machen sollen — was heißt denn das? Heißt es, daß wir ungerechten Reichtum erwerben sollen, damit wir nachher mit demselben die Leute bestechen können? Da sei Gott für! Es heißt vielmehr erstens, daß der Reichtum eben ungerecht ist, daß er überhaupt ungerecht ist, jeder Reichtum, nicht bloß der gestohlene, auch der erworbene. Und es heißt zweitens, daß, wer einen Reichtum hat, denselben als etwas Ungerechtes, ihm nicht Gebührendes wieder weggeben soll an die Armen und Notleidenden, daß man solcher Weise mit ungerechtem Reichtum gute Werke stiften muß, die uns, wenns zum Sterben kommt, in die ewigen Wohnungen Gottes führen. Also das ist gemeint, wenn es heißt: Machet euch Freunde mit ungerechtem Reichtum! — So ist’s, meine lieben Christen, und nicht, daß ihr glaubt, der liebe Heiland hätt’ einen Unsinn gesprochen, wo die Dummheit vielmehr an denen liegt, die ihn nicht verstehen. Merkt euch das, befolgt das Wort Gottes, übervorteilt eure Nebenmenschen nicht um Geld und Gut, die ihr als ungerechten Reichtum doch wieder zurückgeben müsset. Ja, nicht einmal auf sogenannte rechtmäßige Weise sollet ihr euch Reichtümer erwerben, sondern schön zufrieden sein mit dem, was ihr notwendig braucht für den heutigen Tag. Und nicht alleweil sorgen: Was werden wir morgen haben? Der himmlische Vater, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, vergißt euer nicht. Trachtet nur zuerst nach dem Reiche Gottes, das heißt, nach einem gottgefälligen Lebenswandel und nach einem guten Gewissen, das ist die Hauptsache, alles andere wird euch von selbst gegeben werden.“ — Hier unterbrach er sich, blickte in den Kirchenstühlen umher und fügte bei: „Wollt ihr schlafen, meine Lieben, so höre ich auf. ’s ist die Arbeit hart um diese Zeit; wer hart arbeitet und seine Mühsal dem Herrn zu Lieb aufopfert, der ist auch auf dem Wege zum Himmel. Ich predige nicht, um zu predigen und ihr höret nicht, um zu hören. Ich sage euch, daß der müde Leib von der Erden ist, und die Seele von Gott, und daß die Seele den Leib heiligen wird, und daß des Leibes Erden gesegnet sein wird, und ewiglich selig im himmlischen Vaterlande. Amen.“
Ähnlich hat er gepredigt und das ist so seine Art. Die Gemeinde nimmt wohl auch hier so eine Sonntagspredigt als Formsache, nach der man ruhig zur Tagesordnung übergeht, nur meinem Adam müssen die Worte wohl gethan haben; schier ein verklärtes Gesicht hat er gemacht darüber, daß sein redliches Arbeiten und Dulden vom Priester so schön geweiht wird. —
Vor einigen Tagen ist unserem Hausvater angedeutet worden, daß in nächster Zeit der Herr Lehrer sich einfinden würde, um einen Besuch zu machen.
„Einen Besuch? Der Herr Lehrer? Bei uns? So so! Ja, warum denn?“