Kannst du dir vorstellen, daß diese Menschen, die unsere Zeitgenossen des fin de siècle sind, fest an die Auferstehung von den Toten glauben? Was sage ich, glauben! Überzeugt sind sie davon. Durchaus selbstverständlich ist es ihnen, so sicher und natürlich, wie daß auf die Nacht der Tag folgt. So über alles Wort sicher ist es ihnen, daß die Toten, die sie auf ihrem Friedhofe bestatten, und sie selbst mit ihnen, am jüngsten Tage, von der Engel Posaunenruf geweckt, auferstehen werden. Auferstehen mit ihrem irdischen Leibe und in dem Gewande, mit dem sie ins Grab gelegt worden, aus der Erde hervorsteigen, lebendig, die alte Seele mit demselben verjüngten Körper vereint zum ewigen Leben. — Und sie, die das alles wissen, sind es doch selber, die nach so und so viel Jahren die alten Gräber öffnen, die Gebeine zerstreuen, der Natur unmittelbar zuschauen bei ihrem gründlichen Zerstören, Umwandeln und Erneuern. — Sie setzen zu den bekannten Naturkräften nur noch die Allmacht und sind im Reinen.

Ist das nicht schauerlich groß? Hat die Phantasie, geschweige die Vernunft, für unser lebendurstiges Herz je etwas ähnlich Aufrichtendes geschaffen? Darum hörst du sie auch nicht in Verzweiflung schreien an ihren dunklen Gräbern, siehst sie nicht unter der Überwucht des Schmerzes ohnmächtig zusammensinken, die Hinterbliebenen. Nach einer kleinen Weile ist ja das Wiedersehn, das bessere Leben da. — „Vom Baume kam der Tod, vom Kreuze das Leben.“ Dieser Spruch steht über dem Eingange des Kirchhofes zu Hoisendorf. —

Übrigens hatte ich nicht lange Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen. Schon während des Schaufelns fiel mir auf, daß zwischen den Hecken des Kirchhofszaunes etwas funkelte. Ein ganz unheimliches Funkeln. Mein Valentin steht unter dem Flieder und schaut hinab in die Grube, die sich über dem weißen Sarge immer mehr mit Erde füllt.

Nach der Bestattung stieg der Kulmbock auf einen Betschemel, erhob die Stimme und hielt folgende Anrede:

„Dieweil wir jetzo unsern christlichen Mitbruder zur Erden gebracht haben, sage ich im Namen seiner Hinterbliebenen allen Anwesenden ein Vergelt’sgott, daß sie mitgegangen sind und für die arme Seele gebetet haben. Und wer Lust hat, laßt die Familie sagen, der soll sich jetzo zum Kirchenwirt begeben auf ein einfaches Totenmahl, auf daß die Trauer in Freude verwandelt werde. Gelobt sei Jesus Christus.“

„Reden kann er!“ nickten sich die Leute zu. „Gut kann er reden. Und heut’ schon gar, daß er so viel schön geredet hat. Eigens was er zuletzt gesagt hat.“

Ich habe von den Freuden, in welche die Trauer verwandelt werden sollte, nicht viel wahrgenommen. Wie die Leute sich jetzt verlaufen, treten zum Kirchhofsthore rasch zwei Gendarmen herein. Der Valentin sieht sie, stößt einen heiseren Schrei aus, will nach rechts, will nach links davon, thut’s aber nicht, sondern springt hinab in das noch halb offene Grab. Tiefer möchte er sich hineinwühlen mit beiden Händen in die lockere Erde, um den Häschern zu entkommen, die ihn in die Kaserne schleppen wollen, ins Stockhaus und wer weiß zu was noch Schlimmerem. Zusammengekauert in der Grube rang er die Hände zu uns herauf: „Erden, Erden auf mich, daß sie mich nit finden!“ — Aber sie standen schon da und begrenzten den Grabrand mit ihren Bajonetten. Der Lehrer und ich haben keine geringe Mühe gehabt, den wahnwitzigen Burschen aus dem Grabe herauszubringen. Einer der Gendarmen machte eine schrecklich wilde Miene und rief: „Na wird’s? Vorwärts jetzt, marsch!“ Aber der harsche Ton dieses Kommandos mißlang, er fiel zu unsicher, zu biegsam aus, so daß der Mann sich weiter keine Mühe gab, sondern gutmütig beisetzte: „Seien sie nicht kindisch, Weiler!“

Er hat sich dann ohne weiteres ergeben. Seine Mutter und der Franzel sind starr dagestanden vor Schreck.

Sage ich zu den Gendarmen: „Die Herren werden doch etwas Mittag halten wollen, im Wirtshaus.“

Damit waren sie einverstanden.